Bruderherz
Welche Wohltat Winterreifen unter mir zu wissen. Gemütlich folge ich den sanften Kurven der Straße und es enervieren mich auch die Wachaulustigen, die an diesem eisigen Novembersonntag noch langsamer fahren, als es der Obstverkauf im Sommer auf diesem Streckenteil verlangt, in keinster Weise.
Rechts neben mir legt die Donau ebenfalls eine spürbare Gemütlichkeit an den Tag – wird sie doch das schwarze Meer bestimmt erreichen.
Links ein gemütlicher Ort nach dem anderen, so als hätte die Welt ein Bild von Friedrich Gauermann zur Inspiration genommen, um die kleinen Häuser in der Landschaft zu gruppieren.
Meine Stimmung hebt sich und ich brauche einige Momente, um zu begreifen, weshalb:
Aus dem Radio erklingt wunderbare Musik!
Die Schneeflocken spiegeln die Töne der Klarinette wider.
Sie tänzeln vergnügt aus allen Oktaven daher und die nicht besetzten Flocken entdeckt schnell das Klavier für sich und schließt sich dem wilden Ritt an.
Als das Zuhause schon in Sichtweite ist, verkündet die Moderatorin gerade noch den Namen der Platte und wo man diese im Fachhandel erstehen kann.
Am nächsten Tag rufe ich sofort in Besagtem an, doch nirgends ist die Platte zu bekommen.
Dem Wunsch geschuldet das Gefühl der tanzenden Klarinetten- und Klavierflocken möglichst rasch zu replizieren, verfasse ich über das Kontaktformular auf der Website der Musiker eine Nachricht mit dem Wunsch, einige Exemplare der Platte erstehen zu wollen.
Unerwartet schnell die höchst sympathische Antwort direkt von einem der Musiker, dass wir uns in einem Kaffeehaus verabreden können und er mir die gewünschten Tonträger mitbringt.
Voll Vorfreude pilgere ich also auf die Wienzeile, betrete das Kaffeehaus und finde sogleich einen Anblick vor, der mich sogleich lächeln lässt.
Was genau dieses ‘je ne sais quoi’ ist, das einen Musiker ausmacht weiß ich nicht, aber er hat es auf jeden Fall. Auf der Bank neben ihm der Klarinettenkoffer, auf dem kleinen Tisch vor ihm ein Notenblatt und die Finger tanzen in der Luft.
Wir begrüßen uns und zu meiner Freude fragt er, ob ich Zeit für einen Kaffee habe.
Er spricht über die Liebe zur Stadt, die Liebe zu seinem Instrument, die Liebe zur Musik überhaupt und die Liebe zu seiner Familie. Wichtigkeit in gestürzter Reihenfolge.
Meinerseits bekenne ich mich zu mäßigem Fachwissen, jedoch zu großer Freude an der Musik.
Aus seinem Aktenkoffer zückt er nun die Tonträger und kommt gerne dem Wunsch nach, diese zu signieren. Da er nicht alleine auf den Stücken zu hören ist, erachtet er es als richtig, auch den zweiten Musiker, seinen Bruder, von einer Unterschrift zu überzeugen.
“Bruderherz”, ruft er ins Telephon und schildert die Szene.
Meine Verwunderung bleibt nicht unentdeckt und er erklärt mir, dass die Wohnung der Mutter, wo am Dienstag immer gemeinsam gekocht und gegessen wird, nur einige Häuserblocks entfernt ist und sein Bruder bereits unterwegs sei.
Die Brüder umarmen sich, tauschen ein paar Scherze aus, die außer ihnen niemand verstehen kann, aber dennoch für gute Laune sorgen. Wir trinken also zu dritt noch einen Kaffee und ich höre weitere entzückende Geschichten von der Liebe zu Familie, Instrumenten und der Stadt. Wichtigkeit in korrekter Reihenfolge.
Die Brüder, unglaublich herzlich im Umgang miteinander, bedanken sich für das Interesse an ihrer Musik und der Einladung auf Kaffee und entschuldigen sich dann in Richtung Familienwohnung, wo das Ragù wartet.
