Burning Snowman 2020

Burning Snowman 2020

Am Samstag den 22.02.2020 findet ab 16Uhr der BURNING SNOWMAN 2020 statt.

Habt keine Angst vor der Kälte, vor dem Sonnenuntergang wird am großen Feuer gegrillt und es wird uns Wärme spenden. Genauso wie heiße Musik unseren Kreislauf in Schwung bringen wird. Wenn dann die Dunkelheit über uns fällt, wird der Schneemann wieder zeremoniell verbrannt, um den großen Winter zu besänftigen.

Lustige Ideen von eurer Seite sind explizit erwünscht und je verrückter sie sind, umso besser. Und teilt die Veranstaltung gerne mit euren FreundInnen, sowohl online in den sozialen Medien als auch offline. Denn je mehr Leute kommen, um dem Winter die Ehre erweisen, umso wahrscheinlicher ist es, dass wir auch dieses Jahr vom ewigen Winter verschont werden.

Daher hoffe ich, im Namen der ganzen Menschheit – zumindest der Nordhalbkugel – viele von euch zu sehen.

Türchen 24 (von Marcel)

Ursprünglich wollte ich ja auf Türchen 18 eingehen und meine Perspektive zu dieser Erfahrung schreiben. Der Text war auch so gut wie fertig, aber dann passierte etwas: Das Leben!

Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Die Tür in unser Schlafzimmer geht auf, ein Kind tritt herein. Ich bin wach. Der Wecker zeigt 8Uhr an, positive Überraschung! Die Kinder schauen Checker Tobi, deshalb wurden wir so lange in Ruhe gelassen. Die Win-Win-Situation überhaupt. Der Rolladen im Schlafzimmer ist komplett zu, daher wird es wie jeden Tag spannend, welches Wetter draußen sein wird, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Langsam fährt er hoch und wer hätte das gedacht, es ist grau in grau! Das perfekte Depressionswetter und Wasser auf den Mühlen einer Entscheidung, welche vor einem Jahr getroffen wurde. Die Winterdepressionen der letzten Jahre haben mich gelehrt, im Winter zu verschwinden. Egal wohin, nur Sonnenlicht braucht es. Und heute geht es los in den Urlaub ins Warme und Helle. Wir treffen also letzte Vorbereitungen, packen nochmal dies ein oder jenes aus. Die Kinder sind nun leider schon urlaubsaufgeregt und wie jedes Mal hat man das Gefühl, schon 3 Stunden vor dem Verlassen der Wohnung im Stress zu sein. Die Sandwiches für die Reise sind gemacht, die Koffer zu, die Rucksäcke werden noch mit dem restlichen nötigen und unnötigen Kram gefüllt. Los geht’s. Mit der Straßenbahn nach Floridsdorf, dort mit dem Zug zum Flughafen Wien, dann Flug nach Amman, umsteigen und der finale Flug nach Dubai. Dann noch ein Taxi und schon sind wir im Hotel, 5Uhr morgens. Dort warten meine Mama und mein Stiefvater. Naja, besser gesagt, hoffentlich warten sie nicht. Aber man weiß nie bei Eltern ;-). Und wie auch alle Eltern wissen ist jeder dieser Reiseschritte mit hoher Aufmerksamkeit und Verantwortung verbunden. Die Kinder beschäftigen und nicht verlieren, zweites gilt auch für das Gepäck. Allerdings ist man hin und wieder nicht überall erfolgreich. Beim Check-in fällt mir auf, dass mein Rucksack fehlt. Gleich schießt es mir in den Kopf: Ich habe ihn im Zug vergessen. Ich renne sofort los, aber natürlich ist er nicht mehr am Bahnsteig. Katastrophe! In diesem Rucksack ist mein Laptop, die Tablets aller Familienmitglieder, ein Nintendo und E-Book-Reader, meine Kopfhörer, mein Geldbeutel inklusive Geld, Führerschein, Personalausweis und Bankkarte etc. und unser (einziger) Hausschlüssel mit der Topnummer, die wurde von der Hausverwaltung netterweise in den Schlüssel eingraviert. Wert alles zusammen ca. 2.500 Euro. Bürokratienervfaktor 8 von 10 Punkten. Nostalgieschmerzfaktor, hauptsächlich nur der Führerschein, also 2 von 10. Und Glück im Unglück, nicht die Pässe und die Kreditkarte. Aber was mach ich jetzt? Meine Familie wartet oben beim Check-in, wir müssen bald los. Ich rufe die ÖBB an, aber an einem Sonntag arbeitet da wohl niemand, verrückt diese Annahme, Dinge gehen normalerweise ja auch nur Werktags verloren. Nach 20 sehr langen Minuten in der Warteschleife drücke ich 1, damit werde ich zurück gerufen. Die freundliche Computerdamenstimme sagt, dies geschieht in über 2 Stunden. Ok, dann gebe ich euch halt die Nummer des Piloten?! Eine letzte kleine Chance eröffnet sich mir, als ein Zug Richtung Floridsdorf einfährt und am Flughafen seine erste Station hat, unserer zuvor kam von dort und hatte am Flughafen Endstation. Vielleicht gedreht oder kurz irgendwo gewartet? Es ist definitv dieselbe Linie, aber wie ich nach dem Durchrennen feststelle, nicht derselbe Zug. Ich frag den Zugführer und er sagt, unser Zug ist schon wieder Richtung Laa an der Thaya unterwegs. Die Wahrscheinlichkeit den Rucksack noch am Flughafen aufzufinden ist somit gestorben. Jetzt muss ich schnell zurück zu meiner Familie, sonst verpassen wir den Flug. Auf dem Weg zum Check-in komme ich an einem ÖBB-Schalter vorbei, eine letzte Idee kommt mir. Ich lasse mir die Fahrpläne der Zuges ausdrucken, erst fährt er nach Laa an der Thaya und dann, nach einem 2-stündigen Stop dort, zurück über Wien. Vielleicht kann jemand dorthin fahren und dort schauen. Es ist ein großer Act, die Fahrt von Wien dauert ca. eine Stunde, daher ist das schon eine große Bitte, aber ich frage Freunde, ob sie hinfahren können oder jemand in der Nähe kennen. Sie beginnen sich darum zu kümmern. Gute Freunde sind schon was schönes. Das alles geschieht, während wir durch die Kontrollen zum Gate rennen, wir sind die Letzten beim Check-in und schaffen es gerade so zum Boarding. 

Ok, let it go. Ich kann den Urlaub und die Freude der Kinder jetzt nicht weiter belasten, vor allem, wenn es nichts bringt. So ist es jetzt nunmal, es liegt nicht mehr in meiner Macht. Ich bin auf die Hilfsbereitschaft und Gutmütigkeit der Menschen im Zug angewiesen und auf meine Freunde. Wir stehen in der Schlange für den Bus, der uns zum Flugzeug bringt. Wir geben unsere Boarding Pässe ab und die Dame zieht sie einen nach dem anderen über den Scanner. Grün, Schwiegervater darf sich auf den Weg in den Bus machen, dann nochmal grün, grün und dann rot, abgewiesen. Was ist jetzt los? Die Dame schaut verwundert auf ihren PC, denkt kurz nach und dann fällt ihr der Grund wieder ein. “Haben sie ihren Rucksack im Zug verloren” fragt sie mich. “Ja”, sage ich und sie zeigt gleichzeitig auf den Boden, wo er steht. Ich bin fassungslos, “wie ist das möglich” frage ich und sie sagt, dass es ein am Flughafen Beschäftigter gefunden hat und es dann, wie ich später erfahre mit nicht gerade geringem Aufwand, der Rucksack war ja schon wieder Richtung Wien unterwegs, auf den richtigen Weg gebracht hat. Während ich die Glücksüberbringerin umarme, weint Arnisa vor Freude und alle Menschen, die diese Szene erlebt haben, haben ein Lachen im Gesicht. “Außerdem hat er auch eine Nachricht hinterlassen”, sagt sie zum Schluss noch. Ich öffne den Rucksack und finde einen Zettel. Auf diesem steht sein Name, seine Telefonnummer und “Merry Christmas :-)”.

Es wirkt wie ein kitschiges Weihnachtswunder aus Hollywood, nur dass das Leben manchmal die gleichen oder noch bessere Geschichten schreibt.

Lieber Vlad, ich habe dich ja eingeladen, den Adventskalender zu lesen und ich hoffe, du liest gerade diese Zeilen. Wir sind dir wirklich sehr dankbar für deine gute Tat. Aber nicht nur wegen des Geldes oder Stresses, das alles wäre natürlich sehr sehr ärgerlich gewesen, aber in ein paar Monaten fast schon wieder vergessen. Nein, wegen der unglaublichen Überraschung, dieser Lottogewinn gleich kommenden Wahrscheinlichkeit. Deine Geste ist für die Ewigkeit. Wir werden diese Geschichte niemals vergessen und sie noch oft in unserem Leben erzählen und damit Menschen zum herzlichen Lachen bringen und dabei selber jedes Mal Gänsehaut bekommen. Und sie wird für immer die Message haben, dass wir nie vergessen sollten, dass es auf unserem Planeten auch immer solche Menschen geben wird! 

Frohe Weihnachten bzw. Festtage an euch alle! Ein fantastischer Adventskalender 2019 ist nun zu Ende. Es gab wieder wunderschöne und sehr berührende Texte bzw. Werke. Danke an euch alle für die Mühe, die ihr euch gemacht habt sowie eure Offenheit. Und ich denke, wir haben auch dieses Jahr wieder etwas besonderes geschaffen. Ich kann euch jedenfalls sagen, dass die Resonanz unglaublich war. Ohne euch, auch die LeserInnen, wäre das nicht möglich. Danke, danke, danke.

Wir sehen uns wieder zum Burning Snowman am Samstag den 22.02.2020!

Türchen 23 (von Susanne)

Magische Zahlen

Es hat dieses Jahr nur einen Moment gedauert um meinen diesjährigen Lieblingstag auszusuchen, den 23.12., den Tag vor Heilig Abend. Weihnachten ist ja eine besinnliche Zeit und daher möchte ich mich, inspiriert durch die 23, auf eine kurze Reise in die magische Zahlen Welt begeben. Mich persönlich verbindet die 23 automatisch mit Musik, dort habe ich sie zentral immer wieder kennen gelernt. Banner, Sticker, Plakate. In der Mathematik eine Zahl, die aus zwei Primzahlen besteht und deren Quersumme wieder eine Primzahl ist. Dank eines berühmtes Romans wird 23 Unglück und Untergang nachgesagt.Ähnliches Problem hat sich auch die 13 eingehandelt. Oft gibt es weder Zimmernummern mit 13, noch Stockwerke. Triskaidekaphobie ist allgegenwärtig. Ein Synonym für den Teufel und im Tarot der Teufel…Diese und viele andere Glauben und Aberglauben sind mir in meinen Recherchen über die 23 begegnet. Ich wurde dazu bewogen über Macht, Kraft, Zahlen, nachzudenken. Persönlich habe ich eine enge Verbindung zu Zahlen. Der 8 messe ich in meinem Leben besondere Bedeutung zu. Das ist aber eine andere Geschichte. Man nimmt eine Zahl als Glücksbringer mit oder meidet sie zwecks Unglück. Zahlen besitzen eine besondere Magie.Was ist eure Zahl im Leben? Gebt ihr diesen in gewisser Art Raum? Seid ihr euch dessen bewusst? Man sollte meiner Meinung nach die besinnliche Zeit auch Mal nutzen, um sich der allgegenwärtigen Dinge und deren Magie bewusst zu werden. Wie es die Zahlen bei mir sind, was macht euer Leben magisch und wird zu wenig gewürdigt? Last but not least: Die Antwort nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ist sowieso 42! 😄

Frohe Weihnachten!

Türchen 22 (von Katrin)

Meine Oma ist dieses Jahr gestorben. Und als ich sie das letzte Mal gesehen habe im Krankenhaus im Sommer – ein paar Wochen vor ihrem Tod – hab ich sie beobachtet. Ich hab irgendwie gespürt, dass das ein Abschied ist. Und sie hat es – glaub ich – auch gespürt, dass sie bald gehen wird.
Meine Mutter war beim Besuch dabei und meine beiden Kinder. Die Gespräche, die wir geführt haben waren nicht von besonderem Inhalt. Aber da war etwas in der Luft, die
Art wie meine Oma sich bewegt hat, wie sie sich umgesehen hat. Sehr bewusst würde ich sagen. So als wüsste sie, dass sie es nicht mehr so oft erleben wird. Ich hatte das
Gefühl, als hätte alles was passiert – wirklich alles – eine besondere Bedeutung. Jede Berührung, jeder Blick, jeder Wortaustausch, auch wenn er noch so banal war.
Meine Mutter hatte ihr Orangensaft mitgebracht. Eine kleine Flasche vom Supermarkt, nix Besonderes. Meine Oma hat einen Schluck genommen, ihn geschmeckt, nachwirken lassen und gesagt: “So ein Orangensaft is wirklich wos Guads”. Als hätte sie noch nie etwas so Wunderbares getrunken. Sie hat sehr beseelt gewirkt.
Eine Zeit lang hat sie aus dem Fenster gesehen, auf den Himmel, dann sich wieder im Raum umgeschaut und irgendetwas über ihre Zimmerkolleginnen und das Personal
gesagt – irgendein Klatsch – und dabei geschmunzelt und gescherzt. Und sie hatte so viel Freude in jedem einzelnen Moment, saugte sie auf diese Momente;
jede Sinneswahrnehmung, jedes Wort, jede Bewegung, ob im Raum, von uns, oder ihre eigenen Bewegungen, große und kleine. Schlicht: das Leben.
Alles was lebendig war. Und ich hatte den Eindruck, dass sie es so unglaublich genießt – trotz der Schmerzen – einfach noch ein bisschen das Leben zu spüren, in
sich und um sie herum, und es hatte etwas Wahrhaftiges.
Ich wäre gerne noch länger bei ihr geblieben und hätte gern ihre Hand gehalten oder mich mit ihr über irgendetwas unterhalten – egal was. Wäre einfach nur gern mit
ihr da gewesen, im Moment. Aber ich hab gespürt, dass es Zeit war für die Kinder zu gehen. Ein Szenenwechsel war notwendig.
Am 26. September ist sie gestorben und so traurig es war, hatte ich doch meinen Frieden damit, weil ich diese wunderbaren letzten Momente noch mit ihr erleben durfte. Und es hat mich wieder daran erinnert, wie gern ich eigentlich lebe und was eigentlich das Wichtigste ist: da zu sein, im Moment zu sein, genau hier und jetzt, egal womit man gerade seinen Moment verbringt; allein, beim Auto fahren oder Wäsche waschen, beim Liebesspiel, beim Masturbieren, beim Müll runter tragen, beim Telefonieren, beim Musik hören, beim Duschen, am Klo, beim Schlafen, beim Rechnungen zahlen, beim Lachen, beim Hirnwichsen, beim Excel-Tabellen-erstellen, beim Aufräumen, beim Meditieren, beim Essen, beim Reden, beim Diskutieren, beim Beziehung beenden, beim Binchwatchen, beim Nicht-in-die-Gänge-kommen, beim Party machen, beim Einkaufen, beim Einkaufsliste schreiben, beim keinen-Bock-auf-Einkaufsliste-schreiben-haben,… Egal was wir gerade machen und wo wir gerade sind; das ist unser Moment. Und das Leben besteht aus einer Aneinanderreihung von Momenten. Und wir wissen nicht, wie viele wir noch davon haben.
In diesem Sinne wünsch ich Euch einen wunderschönen 4. Adventsonntag, besinnliche Weihnachten und spannende Raunächte, denen eine besondere Magie innewohnt. Wer weiß, was sie dieses Mal für uns bereit halten!

Türchen 21 (von Erdogan)

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Change Your Word – Change Your World

Except some specific people on earth nobody is happy about our world, about the environment, climate change, the economic situation, wars etc.

Most of us want to change the world for a better future. But also most of us don’t think about that we are the reason of our unhappiness, each of us is responsible that our world looks like this.

Because we like to make our lives easy. We go out on the streets to protest, we share some critics on social media about politics, companies, the climate etc. That’s it. We did what we have to do.
Really?
We can’t change the world, to try to do this is like self indulgence. If we want to have a better life, a better world, then we have to begin with changing ourselves. That is the hardest way to change our world for a better future. Everything begins and ends with ourselves.

When I die, the world dies with me. Each of us is a world. Let’s take the hardest way to change. Ourselves!

The life is like a boomerang, negative calls negative, positive calls positive.
So for a better future:
Change Your Word – Change Your World

In this sense Merry Xmas and Happy New Year for all!

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Türchen 20 (von Somi)

Das Thema Zeit hat mich beruflich eine längere Zeit begleitet. Ich habe dabei einige Zitate gesammelt, die nie wirklich zum Einsatz kamen, aber hier möchte ich eine kleine Auswahl davon vorstellen:

Was also ist Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich’s, will ich’s aber einem Fragenden erklären, weiß ich’s nicht.
Aurelius Augustinus

Zeit ist nur das, was man von der Uhr abliest.
Albert Einstein

Die Zeit heilt alles, dachte ich, außer die Wahrheit.
Carlos Ruiz Zafón

Time flies. It’s up to you to be the navigator.
Robert Orben

Time is what we want most, but what we use worst.
William Penn

The time you enjoy wasting is not wasted time.
Bertrand Russell

Jetzt sind die guten alten Zeiten, nach denen wir uns in zehn Jahren zurücksehnen.
Peter Ustinov

Es gibt Diebe, die nicht bestraft werden und einem doch das Kostbarste stehlen: die Zeit.
Napoleon

Zeit hat man nur, wenn man sie sich nimmt.
Karl Heinrich Waggerl

Time is on my side…
Rolling Stones

Manchmal dauert es eine Zeit bis die Zeit reif ist für etwas. Das Warten darauf kann sehr anstrengend, langweilig sein, oder lehrreich sein oder Spaß und viel Freude machen. Manchmal kommt der richtige Zeitpunkt sehr schnell und überraschend, fast überfallartig. Das kann überfordern oder auch erleichternd sein.
Timing ist alles… dabei bleibt die Zeit immer gleich. 1440 Minuten jeden Tag.
Ich wünsche euch eine gute Zeit!

Türchen 19 (von Jörg)

Die Tage, in denen wir uns gerade befinden, sind die kürzesten des Jahres. Nie ist es je so viel finster, nie ist es so kurz hell. Daran ändert auch die Verschmutzung mit künstlichem Licht nichts, die von Jahr zu Jahr weiter ausufert. Im Gegenteil: All die grellen Lichter, wie sie sich gerade zu Weihnachten noch einmal gesteigert gegenseitig zu überblenden versuchen, sind der Spiegel unserer Angst vor dem Finsteren, dem Stillen, dem Ereignislosen, dem Mit-sich-alleine-Sein. Jedes Kind, noch bevor es weiß, was es auf der Welt zu fürchten gibt, ängstigt sich ja schon vor dem Dunklen, wie wir uns alle erinnern können. Sogar den Tod vermag ein Kind schon zu fürchten, wenn es sich in einem akuten Moment in seinem Leben bedroht fühlt, obgleich es noch keinen Begriff vom Sterben hat. Das Nichts ist der letzte Ort unserer Angst, es jagt uns eine ganz ungeheure Furcht ein, wenn wir es zulassen.

Der spanische Philosoph Miguel de Unamuno hat einmal, ich glaube im „Tragischen Lebensgefühl“, davon erzählt, dass ihm die Höllengeschichten in seiner Kindheit nie die größte Angst gemacht habe. Denn auch wer die Ewigkeit in Qualen verbringe, sei ja immer noch da. Schrecklich sei vielmehr die Vorstellung gewesen, nicht mehr zu sein, aufzuhören, zu verschwinden, als ein Ich nicht mehr stattzufinden. Vielleicht erwächst das religiöse Empfinden, das sich nach Erlösung sehnt und nach der Ewigkeit, aus dieser unmöglichen Aufgabe, sich anderweitig mit dem eigenen Bewusstsein ein Dasein der Welt vorstellen zu müssen, in dem es dieses sich gerade etwas vorstellende Bewusstsein nicht mehr gibt. Können wir das überhaupt denken? Was wäre überhaupt eine Welt noch ohne mein Bewusstsein, insofern ich jeden Begriff von dieser Welt durch mein Bewusstsein habe? Verschwände sie nicht gleich mit mir ins Nichts?

Eine uns allen bekannte Spielerei ist, jemanden aufzufordern, sich einen Elefanten mit dieser oder jener Farbe keinesfalls vorzustellen. Dass dieser Versuch scheitert, zeigt natürlich so manches über die Weise, wie die Vorstellungsbilder unseres Bewusstseins unvermittelt auf- und wieder abtauchen. Die Lehre daraus ist bekanntlich: Wir können uns etwas nicht einfach nicht vorstellen. Jede Negation hat immer das Vorstellungsbild des Negierten mit dabei, ist immer beides: das Nicht-Etwas und das Etwas selbst. Und so wundert es nicht, dass wir uns etwas wie das Nichts, das uns so viele Schrecken einjagen kann, wenn wir uns erst wirklich für den Gedanken daran und damit für den eigenen Tod öffnen, überhaupt nicht vorstellen können. Ein Nichtvorstellen wovon auch immer ginge ja noch vielleicht, als eine große Leere des Geistes, wenn die Reize von außen nicht groß sind und uns eben keiner aufträgt, nicht an Elefanten zu denken. Aber wie füllt man den Geist mit einer Vorstellung von Nichts? Wo käme dieses Vorstellungsbild her?

Schon kleinste Annäherungen scheitern hier: Demokrit meinte einst etwa, die Welt bestünde aus lauter „Atomen“, unteilbaren und verschiedengestaltigen Grundobjekten. Da alles in der Welt von oben nach unten falle, was das auch immer bedeuten soll, müssten diese Atome freilich in einer völlig parallelen Bewegung zueinander sein, könnten also gar nie zusammenstoßen. Der spätere Ausweg Epikurs: Irgendeine kleine Abweichung habe sich einmal zutragen müssen, sodass ein Atom an das andere stieß, worauf sich ein Kettenprozess in Gang setzte und die Welt entstand. Schon Cicero fand diese ganze Konzeption sehr lächerlich, denn sie schaffe keine Welterklärung, sondern ein noch größeres Mysterium. Wer hat dieses Atom denn zu diesem Akt veranlasst? Wodurch konnte es das?

Aber natürlich hat der epikureische Schabernack schon einen gewissen Punkt, denn können wir uns überhaupt eine Welt von völlig parallel herabfallenden Atomen vorstellen? Entsteht nicht zwanghaft in uns stets eine kleine Abweichung, sobald wir uns das vorzustellen versuchen? Und ist es denn nicht beim Nichts noch viel mehr so, dass wir in unserem Vorstellungsversuch ständig irgendetwas aufblitzen sehen? Wir können uns vielleicht ein Nichts vorstellen, dass Phantásien auffrisst, so wie es in der Unendlichen Geschichte der Fall ist – aber dann ja auch nur, weil wir eben Phantásien als die große Negation des Nichts vor uns haben, oder umgekehrt das Nichts als Negation Phantásiens begreifen können. „Negation“ ist eben das Schlüsselwort: Auch das lustige Atom der Epikureer hat offensichtlich eine Regel negiert, nämlich das geradlinige Fallen. Aus einer ersten Negation entsteht so die ganze Welt.

Vielleicht genügt es hierzu aber auch schon, wenn es nur das Nichts und die Negation im Vorhinein gibt. Negieren wir das Nichts, ist ja in jedem Falle etwas anderes da, ein Nichtnichts. Mit zwei Zuständen kann man aber schon ziemlich viel bauen, wie auch Informatiker zu erzählen wissen. Zwei Zustände sind explosiv, würden vielleicht Philosophen sagen: Man hat in ihnen nicht nur das Eine und das Andere vorhanden, sondern damit auch eine Menge von beidem, ihre Differenz, ihre Relation usw., also lauter dritte, vierte, fünfte Dinge, die man ebenso wieder aufeinander beziehen kann. Das Universum explodiert also schon aus einem ersten Etwas heraus in eine sich ständig erweiternde mannigfaltige Buntheit an Zuständen, in ein Meer an Möglichkeiten.

Hat das alles für unsere Sicht auf das kleine Universum, das unser Leben darstellt, eine Bedeutung? Ja. Denn wir tragen falsche Konnotationen mit uns herum, wenn wir vom Nichts und von Negationen denken. Wir nennen in unserem Volksmund gerne Schlechtes „negativ“ und Gutes „positiv“. Wir betrachten das Nichts als etwas Dunkles, Verschlossenes, als ein tiefes Loch, das alles wegnimmt und in das man hineinfallen kann. Aber das ist eine zu einseitige Sicht. Das Nichts ist ebenso etwas Helles, Offenes, gerade so wie ein weißes Papierblatt, das vielleicht bald kunstvoll beschrieben wird und mancherlei Wunder noch bereithält. Das Nichts bedeutet eine Offenheit, alles in sich aufnehmen zu können, es bedeutet Möglichkeiten zu haben. In der ostasiatischen Philosophie gibt es, etwa in den Lehrfragen, den Kōans, des Zen-Buddhismus, einen entsprechend offenen Begriff des Nichts: „mu“ (無).

In diesem Sinne sollten wir auch die Negationen in unseren Leben nicht als Last, als Gegen-mich, als Hindernis, als Affront, als Zerstörung empfinden. Sondern als einen Fingerzeig auf mögliche Alternativen. Wir müssen ein „Nein“ lernen, dass nicht in der Zurückweisung besteht, sondern in der Vermittlung von anderen Wegen, die zur Wahl stehen. Und so empfiehlt es sich von Zeit zu Zeit sicherlich auch, einmal alle Lichter abzudrehen und sich dem Nichts, der Negation, der Finsternis zu übergeben – und den Möglichkeiten, die in dieser Stille schlummern.

Türchen 18 (von Arnisa)

Als Arnisa mir ihren fast fertigen Text für Türchen 18 zum ersten Mal zeigte, war ich doch ziemlich überrascht. Ich hatte das Gefühl, dass ich vom Spirit her meinen eigenen Text, welchen ich für Türchen 24 vorbereitete, vor mir habe, nur aus einer anderen Perspektive heraus geschrieben.
Zuerst dachte ich: Mist, aber kurz danach: Cool! Anscheinend hat uns beide dieses Thema nachhaltig verändert und uns als Mensch wachsen lassen. Und es ist uns so wichtig, dass wir uns dafür in diesem Medium so offen zeigen wollen, um andere zu ermutigen, sich auch auf diesen wunderbaren Weg der Selbsterfahrung zu begeben.

Somit sind Türchen 18 und Türchen 24 zwei für sich eigenständige Texte, welche dieselben Erfahrungen aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählen.

Perspektive 1:

Die Entdeckung meines Körpers

Jeder Körper auf dieser Welt erzählt seine eigene Geschichte. Eine eigene Biographie, über die wir alle mit Sicherheit ein dickes Buch schreiben könnten. Ich habe mich sehr lange für meinen Körper geschämt und hätte gern ein paar Kilos und Fettröllchen weniger gehabt. Mit den Jahren und dem Älterwerden ist mein Po breiter und weicher geworden, mein Brüste sind nicht mehr die einer 20-Jährigen und der ständige Gedanke an die Schenkelpolster und an Cellulite haben meine Selbstzweifel immer größer gemacht. Ich war mittlerweile meilenweit davon entfernt, meinen Körper zu lieben.

Ich glaube, viele meiner Selbstzweifel und Unsicherheiten über meinen Körper und Sexualität sind stark beeinflusst von meiner Herkunft, Familie und Kultur. Als Jugendliche und Teenager war Sexualität und die Entdeckung meines Körpers für mich kein Thema. Mein Körper war kein Tempel, sondern eine funktionierende Hülle. Sex war Teil des Beziehungsdeals, diente dem Mann, fernab meiner Lust. Und so war ich eine junge Mitte-20-Jährige, die zwar genug sexuelle Erfahrungen hatte, aber sich und ihren eigenen Körper nicht wirklich kannte. Danach kamst du, ja du weiß wer du bist. Eine Zeit lang habe ich mit dir auch so weiter gemacht, ich war selbst in so eine Rolle geschlüpft, weil ich es auch nicht anderes kannte.

Dann haben wir angefangen unsere Bedürfnisse zu kommunizieren. Der Anfang war nicht einfach, denn man glaubt oft, die eigenen Wünsche sind abnormal und ist daher versucht, sie zu verschweigen. Aber wir haben uns getraut, haben uns offen ausgetauscht, Tabuthemen angesprochen und unangenehme Fragen gestellt. Mein Mut wurde mit tiefen Gesprächen belohnt, die mich wohler in meinem Körper haben fühlen lassen. Dieser Respekt und die Liebe, die Akzeptanz ohne Verurteilung oder Angriff hat uns neugierig gemacht und unseren Körper besser kennen lernen lassen. Durch die Yoni Massage bin ich in einem anderer Welt gekommen, zum ersten Mal habe ich mich in meinem Körper wohl gefühlt, ich habe mich selbstsicherer und dadurch auch sinnlicher gefühlt.

Wir haben angefangen neue Entdeckungen zu machen, unsere eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu verwirklichen, und da habe ich gemerkt, vielleicht habe ich nicht den perfekten Körper, aber viele Menschen haben mich als attraktiv bezeichnet. Wie kann es sein? Sexy sein, das kann ich, wenn ich das will. Sinnlich sein, da habe ich länger gebraucht, mich fallen zu lassen und meinem Körper wahrzunehmen. Ich habe gelernt auch wild zu sein und etwas außerhalb der Sicherheits- und Kontrollzone zu probieren. Man braucht Mut, um loszulassen, aber dadurch habe ich eine neue und tiefere Verbindung zu mein Körper und mir selbst.

Ich bin eins mit mir und meinem Körper. Ich lebe meine Bedürfnisse, weil ich mir mit meinem Partner die Zeit genommen habe, sie zu erkennen. Ich habe gelernt, meine Wünsche zu äußern und sie unabhängig von den Meinungen und Ansichten irgendwelcher Anderer zu machen. Ich lebe gerade in einem unglaublichen schönen Umfeld mit mir und meinem Körper. Meine sexuelles bzw. körperliches Selbstbewusstsein sorgt dafür, dass ich auch nach außen für andere Menschen strahle. Diese Sichtbarkeit macht attraktiv.

Ich liebe meinen Körper.

Das ist der Satz, für den ich jahrzehntelang gekämpft habe. Das er sich in meinem weiblichen Bewusstsein verankert und ich lerne mein Leben täglich danach auszurichten.

Es ist heilsam den Körper anzunehmen, genauso, wie er gerade ist. Einzigartig und wunderschön. Auch mit ein paar Kilos zu viel, einem weichen Bauch, Cellulite auf den Oberschenkeln und allen anderen Mängeln, die man wahrscheinlich nur selbst an sich entdeckt. Es ist so heilsam und befreiend einfach Ja zu sich selbst zu sagen und die weibliche Urkraft aus dem Innersten zu holen, anstatt sie auf das Äußere zu reduzieren. Denn dich schön zu fühlen, ist letztlich ein innerer Zustand des Wohlbefindens, des Verankertsein in deinem Körper, des dich Spürens in der Kraft deiner Mitte.

Denn in einer Welt, in der Frau nach scheinbar perfekten Maßstäben, Größen und Formen aussehen muss, ist es nicht leicht, die nicht perfekte Natürlichkeit des eigenen Körpers zu lieben und seine Zyklen und Rhythmen anzunehmen. Jetzt tue ich Dinge, die ich liebe und das macht mich glücklich. Wie wild es dabei zugeht, tja, wer weißt das schon?! 😉

Türchen 17 (von Christine)

Viele Menschen mit denen ich zu tun habe, Bekannte, Freunde aber auch aus dem beruflichen Kontext berichten darüber dass sie sich emotional abgestumpft, ausgelaugt, vielleicht sogar ein bisschen depressiv fühlen. Dies alles ist phasenweise normal, und jede/r von uns wird das schon erlebt haben oder noch werden. Und trotzdem scheinen sich die psychischen Krankheiten in der heutigen Zeit zu häufen, scheinen Burn Outs und Depressionen, aber auch Angsterkrankungen wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Als erklärte Hobbypsycho,- und Soziologin wage ich die These aufzustellen, dass dies viel mit der Beschaffenheit der modernen Welt zu tun hat, und damit, was diese uns abverlangt.

So gut der vielgepriesene Individualismus (ich selbst bin eine große Verfechterin und wer mich kennt der weiß das :-)) ist, so schwierig ist es aber auch mit den unendlichen Wahlmöglichkeiten, mit den losen Strukturen, kurz gesagt, mit der Freiheit umzugehen. Gerade im letzten Jahr habe ich, auch durch persönliche Krisen, viel darüber nachgedacht. Und ich bin zu dem Schluss gekommen dass es doch noch Regeln dafür gibt wie man leben soll, sie werden uns nur anders vermittelt. Es herrscht viel informeller Druck. Druck, etwas Besonders zu sein, Besonders zu leisten, zu erleben, gut in dem zu sein was man tut. Da sind die Ernährungsgurus, die Lifestyleoptimierer die suggerieren vegan zu sein, Sport und vor allem Yoga zu machen, regelmäßig zu meditieren, gut im Job zu sein, sich aber gleichzeitig auf sich zu besinnen, Yoga zu machen und zu meditieren, mit 30 um die Welt gereist zu sein, dann aber bitteschön eine Familie zu gründen, eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen, im Anschluss mit den Kindern viel zu reisen… die Liste ist endlos. Klar kann man dem auch entsagen, als Single leben und keine Familie gründen – dann aber bitteschön cool und reisend, etwas Besonderes tuend und schaffend. Das alles muss natürlich zusätzlich schön verpackt und in sozialen Medien der Familie und dem Freundeskreis präsentiert werden. Das passt auch gut zu Türchen Nr. 13, in dem es um die viel gepriesen „Work-Life Balance“ ging.

Dies alles ist sehr überspitzt formuliert. Und es ist sicherlich nicht der einzige Grund für das Ansteigen psychischer Erkrankungen. Zu nennen wären auch noch fehlende Zeit für Eigenreflexion und Besinnung. Das Smartphone sorgt dafür, dass wir uns jeden Moment, in dem wir uns früher auf unsere Gefühle und auf Reflexion konzentriert haben, ungenutzt verstreichen lassen. Die Schnelllebigkeit im Allgemeinen, der steigende Stress im Beruf, die hauptsächlich geistigen Tätigkeiten die uns davon abhalten unsere Körper zu spüren – mir würden noch viele Gründe einfallen.

Ich kam auf dieses Thema, weil 2019 ein schweres Jahr für mich war. Geprägt von vielen Krisen in meiner Partnerschaft, von Problemen in meiner Kernfamilie, von beruflichen Herausforderungen hatte ich Zeiten in denen ich nicht mehr ein noch aus wusste. Das allein hätte mich wohl noch nicht umgehauen. Die zusätzliche Tatsache aber, bald 30 zu werden, kein gebautes Haus, keine gekaufte Wohnung, keine Kinder zu haben, während des Studiums nicht gereist zu sein… der ständige Vergleich mit anderen, der riesige informelle Druck, haben mich letztlich so sehr an mir und an allem zweifeln lassen, dass ich wenig Sinn mehr gesehen habe. Letztlich aber hat dies dazu geführt dass ich endlich wieder, nach langer Zeit, begonnen habe mich mit mir selbst auseinanderzusetzen, mich von den gesellschaftlichen Vorstellungen zu lösen und mich wieder auf mich und meine Gefühle zu besinnen. Wenn man es ständig allen, dem/der PartnerIn, der Familie, dem Arbeitgeber UND der Gesellschaft recht machen will wird vieles an Gefühlen und Bedürfnissen verdrängt und unterdrückt. Man übergeht sich. Und in all dem angeblichen Individualismus, der angeblichen Freiheit, da vergisst man sich. Die Vermutung, dass dies sehr viel mit den steigenden Burn Outs, Depressionen und Angsterkrankungen zu tun hat liegt nahe. Mein Weg ist noch lange nicht vorbei, und ich habe da noch viel aufzuarbeiten. Und trotzdem geht es mir besser und ich spüre wieder mehr. Weil es mir immer mehr egal wird was die Gesellschaft von mir will.

Weihnachten steht für Besinnlichkeit. In diesem Sinne besinnen wir uns, und vergessen wir doch mal was wir wollen sollen, und denken wir daran was wir wollen.

Türchen 16 (von Bernhard)

Weihnachtsevangelium

König Herodes war in einigen Belangen seiner Zeit voraus, in anderen wiederum weniger. Beispielsweise kann sein Umgang mit Kindern aus heutiger Sicht als problematisch eingestuft werden. Abgesehen davon war er aber auch bestrebt, sein Herrschaftsgebiet Judäa fit für das neue Jahrtausend zu machen. Dies äußerte sich beispielsweise darin, indem er die Bevölkerung statistisch erfassen ließ. Die Teilnahmebereitschaft an diesem ambitionierten Projekt ließ jedoch in weiten Teilen der Bevölkerung zu wünschen übrig, insbesondere in bildungsfernen Schichten. So wollten etwa einige mutmaßliche Staatsverweigerer, darunter auch das Ehepaar J. und M. v. N. (Name vom Autor anonymisiert) ihrer Auskunftspflicht entgehen, indem Sie kurz vor der Erhebung von ihrem Wohnsitz in Nazareth nach Betlehem flohen.

Abgesehen von ihrer verfassungsfeindlichen Gesinnung litt die hochschwangere M. v. N. unter schizophrenen Wahnwahrnehmungen. Einige Wochen zuvor hatte sie beispielsweise von der Erscheinung eines Menschen mit Flügeln berichtet. Die beiden versuchten in den Suburbs Betlehems unterzutauchen. Einige Vermieter durchschauten die Absichten des mittellosen Paares, in ihren leerstehenden Wohnungen als Mietnomaden Obdach zu finden und konnten dadurch ihrerseits finanziellen Schaden abwenden. Letztendlich kam das Paar in einem Gebäude eines Landwirtschaftsbetriebes im Umland Betlehems unter. Dort wurde ihr Neugeborenes unter widrigsten hygienischen Bedingungen und ohne adäquate fachmedizinische Betreuung zur Welt gebracht. Augenzeugen zufolge soll sich während der Entbindung sogar Nutzvieh in derselben Räumlichkeit befunden haben. Das Wohlergehen von Kind und Mutter ist schließlich mehreren Beschäftigten des Landwirtschaftsbetriebes zu verdanken, die diese umsorgten. Später erhielt die Jungfamilie auch Zuwendungen von sogenannten Sterndeutern, die im Zuge ihrer parawissenschaftlichen Forschungsreise zufällig an dem Gebäude halt gemacht hatten. Von diesen Zuwendungen, zu denen neben symbolischen Aufmerksamkeiten auch wertvolles Edelmetall zählte, konnte die Familie schließlich länger zehren.

Der spätere Werdegang des Sohnes J. erwies sich zunächst als vielversprechend, immerhin erlangte dieser einen Lehrabschluss. Später jedoch wandte er sich der Scharlatanerie zu und betätigte sich als sogenannter Wunderheiler. Erschwerend driftete auch er, wie bereits seine Eltern, in die Staatsverweigererszene ab und geriet dadurch mit dem Gesetz in Konflikt. Schließlich wurde er inhaftiert und rechtskräftig verurteilt. Nach seinerzeit üblicher Rechtspraxis war die Strafe durch den Tod nichts Außergewöhnliches und diese wurde auch umgehend vollstreckt, was wiederum zu jahrtausendelangen Unruhen in der Staatverweigererszene führte, für die der Exekutierte in der Folge so etwas wie ein Märtyrer darstellte.

Allerdings kann man König Herodes dieses Ausmaß an Eskalation nicht anlasten. Zum Einen nämlich war die Volkszählung gar nicht einmal seine Idee, sondern erfolgte auf Anordnung von Kaiser Augustus. Zum Anderen fällt die verabsäumte diversionelle Erledigung des Strafvollzugs an J. nicht mehr in seine Herrschaftszeit. Aus heutiger Sicht hätten eine sozialtherapeutische Vollbetreuung von Problemfamilien sowie eine Aufwertung der Lehre, sodass diese beispielsweise gar zum Studium an einer Universität berechtigt, ihr Übriges getan. Aber das konnte man damals ja nicht wissen.