Türchen 10 (von Olga)

Als ich gefragt wurde, ob ich etwas zum Weihnachtskalender beitragen wolle, musste ich nicht lange überlegen, was dieses Jahr sehr einschneidend für mich war und worüber ich schreiben würde.

Ich bin jetzt genau ein Jahr in meinem wohlverdienten Ruhestand und versuche jeden Tag, mal mehr mal weniger, zu genießen. Ich kann mich noch genau an meinen letzten Arbeitstag erinnern, wie groß war die Freude, es nach 46 Jahren Berufsleben endlich “geschafft” zu haben. Aber dann nach ein paar Wochen, wurde mir bewusst, dass es von nun an bis zum Ende meines Lebens für immer so sein würde. Zudem musste ich mit Wehmut feststellen, dass mein letzter Lebensabschnitt begonnen hat.

Kein Frage, ich hatte ein schönes vergangenes Jahr. Ich bin viel gereist und habe auch mehr Zeit mit meinen lieben Kindern und Enkeln verbringen können, was ich sehr genossen habe. Aber ich bin immer gerne zur Arbeit gegangen, vor allem weil meine Kolleginnen und ich immer viel Spaß miteinander hatten. Ich muss mir eingestehen, dass einem nach so vielen Arbeitsjahren auch etwas fehlt.

Aber ich denke und hoffe, dass sich das auch bei mir noch legen wird, so wie es bei vielen anderen Rentnern der Fall war. Ich freue mich jedenfalls schon auf das zweite Jahr und bin gespannt was mich erwarten wird. Ich hoffe und wünsche mir für die Zukunft noch viele gesunde Jahre mit meinem lieben Mann, meinen lieben Kindern und Enkeln gemeinsam genießen zu können.

Euch allen eine schöne Adventszeit und ruhige, stressfreie Weihnachten.

Türchen 9 (von Cosmo)

Parallel worlds

It is funny when I think about what happened on the 9th of December in the last 20 years.
In 2000 I got my first flat in Vienna. I just arrived and a new world opened up to me. A world full of new experiences, friends and definitively freedom.
In 2006 I came together my big love. I remember on that day I also decided not to go to London to pursue my career. It was the beginning of a new chapter: it was the first time I decided to stay in a place because of love .. the first time I put a relationship on top of my career.
9th December 2009: we signed the contract to buy our flat. Together. What a commitment. Well, half a year later, he left me. I lost 10kg in 2 months. He came back. We got back together.
Damn it!
9th December 2019: he is unsure, he needs space and time. I always gave him that. He admits it. So what’s that? Let’s face the truth .. it is about time to move ahead. It is not (only) that. We had great years, we are a great team but do we need more that that? I would have never questioned our relationship because even if we are not perfect, nobody is. A commitment is something important to me.
He does know it in theory but not in practice. It will be always like that: come together, love, sparks and then reality will succumb.
No need to mention it: I was teared apart. Again, it came from nowhere and it was very unexpected. It seems it just blows up every time.
I know, this is possibly my luck: tired to be his mate, his mom, his lover. In particular: to be his mom. How many times I wishes somebody I could lean on .. just sometimes.
Ain’t your Mama
I am a bit angry at myself because I kinda of knew it .. but I am stubborn.
Damn it!
Well now I will be strong, I will be vulnerable, I will be who I am. I will feel and I will allow myself to just be.
9th December 2020 .. where will I be? Life: I am ready for the next 9th December. I am going to face you again, no matter if I will be happy or sad. For sure, you will teach me something new and I will keep growing.
OK, deal! It is a date. See you next year.

Türchen 8 (von Sebastian)

Der Gemüsehändler

Ein herrlich sonniger Samstag offenbart sich mir als ich das Haus verlasse und lässt mich hoffen, dass wir unser Frühstück im Freien genießen werden können. Unterwegs im Neunundvierzger versuche ich zu rekonstruieren wann ich den Jakob zuletzt gesehen haben. Das Ergebnis liegt erschreckend weit in der Vergangenheit. In unser jahrzehntelangen Freundschaft hat es wohlgemerkt auch Phasen gegeben wo wir uns, ob der geographischen Distanz, noch viel seltener gesehen.
In jedem Fall freue ich mich gewaltig darauf ihn zu sehen, über seine Familie informiert zu werden und uns darüber auszutauschen was uns im Innersten beschäftigt.
Am Siebensternplatz steige ich aus und stelle erfreut fest, dass die Entscheidung im Freien zu sitzen bereits getroffen wurde und winke Jakob am äußersten Tisch zu.
Als wir gerade unsere zweite Melange in Empfang nehmen parkt ein Lieferwagen am Gehsteig neben uns. Obwohl der Lieferwagen frisches Obst und Gemüse ankündigt ist das erste was dem Wagen entspringt ein kleiner Bub mit Piratenhut bekleidet.
Sein Vater öffnet die Ladefläche und hebt die ersten Kisten Salate auf das Rollwagerl. Gemeinsam, wobei die tatsächliche Schiebeleistung natürlich nur vom Vater ausgeht, werden die Kisten in das Lokal befördert. Das leere Wagerl schiebt der Bub einige Minuten später dann ganz alleine zurück. Nach und nach wird der gesamte Inhalt des Lieferwagen auf die verschiedenen Lokale am Platz aufgeteilt. Einmal trägt der Bub unter größter Anstrengung eine einzelne Melone, dann wieder fährt er auf dem Wagerl mit und fühlt sich als Kapitän seines eigenen Piratenschiffes oder er darf den Inhalt der Kisten vorkosten.
In jedem Fall geschieht all dies mit enormen Enthusiasmus seitens des Sohnes und großer Geduld und Fürsorge des Vaters.
Nachdem der Lieferwagen geleert ist nehmen Vater und Sohn auf einer Parkbank Platz um vor der Weiterfahrt noch eine Mandarine zu teilen. Der Vater bedankt sich bei seinem Sohn für die Hilfe beim Ausladen, fährt ihm mit der Hand durch den Lockenkopf – der Piratenhut wurde für die Jause abgelegt – schließt die Augen und genießt die Sonne die ihm ins Gesicht scheint. Als Reaktion steht der Bub auf der Bank auf, umarmt seinen Vater und sagt ihm, dass er ihn lieb hat.
Für mich als heimlicher Beobachter ist dies ein wunderschöner Moment der mich sogleich zu Tränen rührt.
Selber sage ich gerne denjenigen die es betrifft, dass ich sie lieb habe und das nicht als Redewendung sondern als aufrichtige Zuneigungsbekundung.
Dem Jakob muss ich nun noch erklären was plötzlich in mich gefahren ist aber nach jahrzehntelanger Freundschaft kennt er mich gut genug, hat die Parkbank auch im Blickfeld gehabt und weiß was los ist.

Türchen 7 (von Elena R.)

My reflection for Blogsinn

I met a middle aged woman, with a thankful heart. She babbled about her husband, children, carrier – fully herself, yet, her presence was not shining. She was stressed – in a perverted relationship to time. So that rather than being a subject of her own time, she has become its target and victim, and time has become her routine.

Yet, at the end of the day, she – the mother, the wife, the lover, the heart… will come home and will hope for a true moment for herself… you know, to relax in and to just be… by becoming a protagonist of her time and looking back on what a day brought to her.

She will find the moment of here – and – now, in which she could decide what she feels, thinks and acts. In a mirror (of questions*)…

What dreams did I create last night?
Where did my eyes linger today?
Where was I blind?
Where was I hurt without anyone noticing?
What did I learn today?
What did I read?
What new thoughts visited me?
What differences did I notice in those closest to me?
Who did I neglect?
Where did I neglect myself?
What did I begin today that might endure?
How were my conversations?
Where could I have exposed myself to the risk of something different?
Where did I allow myself to receive love?
With whom today did I feel the most myself?
What reached me today?
How deep did it implant?
Who saw me today?
What visitations had I from the past and from the future?
What did I avoid today?
From the evidence, why was I given this day?

*At the end of the day a mirror of Questions by John O´Donohue

Türchen 6 (von Frieda Notter)

Der Fehler liegt bei der heiligen Familie- eine Hypothese

Bestimmt erinnert Ihr Euch noch an das 24. Türchen vom letzten Jahr (hier könnte Ihr es nochmals nachlesen), in dem Marcel sich seinen angesammelten Frust über Zeitnot, Unfreiheit und Familienchaos, vor allem zur Weihnachtszeit, von der Seele geschrieben hat. Was das Problem hinter dem Problem (oder des Problemkonglomerats) ist, dazu hat Marcel nicht nur eine Idee: Irgendwas hat es mit dem System zu tun („Das System ist ganz eindeutig nicht für die gesellschaftlich veränderten Bedürfnisse und Ansprüche ausgelegt, hier gibt es keinen Zweifel. Es schnürt uns ein und lässt uns keine Luft zum Atmen. Wir brauchen einfach mehr Freiheit!“) aber dann auch wieder mit unserem Ego, unserem Perfektionismus und unserer Unzufriedenheit. Ich denke auch, dass da „das System“ nicht passt, aber ich hätte noch eine konkretere, spezifischere Hypothese: das Problem an Weihnachten ist, dass es als „Fest der Familie“ gefeiert wird und dass diese „Familienideologie“, konsequent zu Ende gespielt, nur im absoluten Familien-Burnout enden kann – zumindest bei denen, die Familie nicht mehr so leben (können oder wollen), wie vielleicht vor 150 Jahren (und da auch nur beim Bürgertum, das über Hauspersonal verfügte, und Kindermädchen).

Was meine ich mit Familienideologie? Zunächst das Offensichtliche: dass zu Weihnachten Familienmitglieder zusammenkommen (müssen), die sich das sonstige Jahr (oft aus Gründen) nie so lange am Stück und so intensiv sehen würden, dass das in überfüllten Zügen und verstopften Autobahnen resultiert, in langen Schlangen an den Fleischtheken und in den Spielwarengeschäften. Dass nach 1-2 Tagen Zwangsfrieden der Stress doch durchbricht und lange unter den Teppich gekehrte Konflikte. Dass die, die keine biologische Familie haben, oder ein problematisches Verhältnis zu der ihren, sich dieser Tatsache an Weihnachten besonders schmerzlich bewusst werden. Dass die Werbung überquillt vom Zuckerguss der Familienidylle und der großen Kinderaugen- Seligkeit. Dass ständig immer und überall vom Fest der Familie die Rede ist.
Es gibt aber auch diese weniger offensichtlichen Punkte. Habt Ihr Euch schon mal gefragt, warum ich das ganze Jahr über die Möglichkeit habe, mein Kind in Horten, Ganztagsschulen und sonstigen Betreuungsprogrammen betreuen zu lassen, selbst in allen Schulferien, außer in den Weihnachtsferien? Warum es für alle Ferien Kinderbespaßungsprogramme in Museen und Sportvereinen gibt, nur für die Weihnachtsferien nicht? Warum Ihr nie Bilder, Filme, Werbespots seht, in denen Freund*innen gemeinsam einen Baum schmücken oder meinetwegen auch Patchworkfamilien? Warum viele Unternehmen über Weihnachten ganz zusperren. Warum niemand Sommerurlaub oder Wochenendtrips mit den Großeltern bewirbt, aber dauernd Weihnachtstage im Schnee?

Die Konsequenz: Familien, wie sie heute oft existieren, isolierte Kleinfamilien, bleibt oft nichts anderes übrig, als sich 2 Wochen lang zu dritt, zu viert oder meinetwegen zu sechst einzuigeln und irgendwann in einer Mischung aus Langweile und Überforderung fast wahnsinnig zu werden (von Marcel sehr eindrücklich beschrieben und auch von mir schon erlebt). Denn so herzlos sind wir doch nicht, dass wir ausgerechnet zum „Fest der Liebe“ und „Fest der Familie“ (das nicht 2 Tage, sondern mindestens 2 Wochen dauert) unsere Kinder „fremdbetreuen“ zu lassen, so einfach ist es nicht, Spielkameraden für das eigene Kind aufzutreiben und so egoistisch sind wir doch nicht, dass wir dieses Jahr die Weihnachtstage nicht auf Straße und Schiene verbringen wollen. Und dann sollen wir uns alle ganz dolle lieben und merken – so einfach ist das nicht.

Marcel schreibt: „Wir brauchen einfach mehr Freiheit“. Ich habe da einen konkreten Vorschlag (auch wenn ich mir jetzt schon denken kann, dass es hier wieder Kritik geben wird am Appellcharakter meiner Überlegungen 😉): wir müssen uns freimachen (soweit wir das individuell können) von der Weihnachtsfamilienideologie. Warum sollte am zweiten Weihnachtsfeiertag nicht der Schulfreund zum Übernachten kommen und nicht immer nur die Cousine. Warum laden wir am 24. nicht mal enge Freunde ein, warum engagieren wir nicht einen Babysitter für den 27. um mit Partner*innen und Freund*innen wandern oder feiern zu gehen? Warum feiern wir nicht im Frühling ein großes Familienfest mit Eltern und Schwiegereltern? Das muss man sich erst mal trauen. Da wird es Gegenwind geben – und es wird nicht ohne schlechtes Gewissen gehen. Aber vielleicht helfen ja auch schon kleinere Änderungen in diese Richtung. Bei uns hat es sich irgendwie eingebürgert, dass am 25. die Nachbarn zum Abendessen kommen. Es gibt was Vegetarisches (weil wir alle genug Fleisch hatten am Tag davor), die Tischdecke ist ein wenig schmutzig, die Kerzen schon etwas herunter gebrannt, wenn das Essen misslingt macht es nichts, weil jeder hat noch irgendwelche Reste und wenn alle um 9 Uhr müde sind, gehen alle um 9 Uhr ohne schlechtes Gewissen ins Bett. Niemand erwartet sich tiefe Gespräche oder gar Liebe, aber manchmal passiert das dann trotzdem – oder gerade deshalb. Wer weiß, vielleicht haben wir dieses Jahr ein bis zwei Gäste mehr. Ich freu mich schon!

Türchen 5 (von Elena und Roffo)

Krampus, Habergeiß, Teifl, etc…

Es wird sich vor diesem „Sidekick“ des Nikolo nur im mitteleuropäischen Raum gefürchtet, wie in folgenden witzigem Link Christoph Waltz Jimmy Fellon auf Youtube erklärt:

Auf Wikipedia steht, dass der Kerl erst um das 16. Jahrhundert bei uns auftauchte…
Naja also so wie ichs verstanden habe hat der Nikolo ein Buch dabei wo WIRKLICH ALLES drin steht, ich meine, stehen da auch die gedanklichen moralischen Abweichungen oder auch unabsichtliche oder nur die explizit geplant und ausgeführten drinnen 😉 ???
Ein deutsches Volkslied besagt ja die Gedanken sind frei, ich seh das auch so.
Wobei das Ganze bei uns in Österreich noch einmal ein bisschen anders aussieht. Denn hier gibt es die Perchten und das schon ziemlich lange. Die Perchten stehen wohl im Zusammenhang mit der Sagengestalt der Perchta, die allerdings ihrerseits eine ungeklärte Herkunft hat. Lärmende Umzüge mit Masken dämonischer Weibern, heidnischer Göttinnen sowie wilder und zahmer Tiere werden, gemeinsam mit anderen Sitten und Gebräuchen, zu den Kalendenfeiern (römisch-germanische Neujahrs- und Weihnachtsfeste) schon um 500 n. Chr. von Caesarius von Arles beschrieben. Ein Brauch der eigentlich die Dämonen forttreiben oder zumindest verschrecken sollte.

Wobei diese Kostüme wirklich toll aussehen, und Sie erinnern mich an Pan, der griechische Hirtengott mit Hörnern und Ziegenhaxen als Beine. Dieser Gott war extrem sexuell und es gelang ihm nur durch die Panflöte seiner eigenen Sexualität Herr zu werden. Mit diesem Instrument konnte er seine überschüssige sexuelle Energie in künstlerische umwandeln. Er wurde ruhig und friedlich und er spielte zauberhaft. Ich persönlich bin mir relativ sicher, dass die katholische Kirche diesen Typen ausgewählt hat um das Böse zu personifizieren. Sie haben ihm einfach nur die Panflöte weggenommen und ihm den Job als Badass Sidekick vom Nikolaus gegeben.
Wenn wir mal davon ausgehen, dass der Krampus der Schatten, das nicht gelebte oder verdrängte Potential, des Nikolaus ist, wird klarer, dass die beiden jeweils eine Seite einer Medaille sind.
Ich denke, dass das animalische nichts teuflisches ist sondern zum Menschsein dazugehört und es wird auch gebraucht, erbeten und wertgeschätzt. Wenn man dies akzeptiert, dass das Menschsein alle graustufen beinhaltet, vom blutigem egoistischem bis zum strahlenden Lebensspendenden, dann habe ich keine Angst vor Gott, ich bin ein Ebenbild von ihm und dazu gehört nun einmal alles dazu.
Und damit das Ganze nicht in die Geschlechter spezifischen Rollen rutscht, gibt es ein Bild von einer Krampine (Perchta) dazu, denn die hellen und dunklen Seiten in uns gibt es ja bei Mann sowie bei Frau.

Krampine

Da ich hier bei einem gemeinsamen Adventskalender eine weitere passende Möglichkeit sehe teile ich mein schönstes und traurigstes Weihnachtslied mit euch (ich muss dabei immer weinen)
Es war auf meiner aller ersten VHS welche THE SNOWMAN hieß.
(Achtung wg. den Kindern es war uuuuuuuuuuuur traurig, denn am Ende schmiltzt der Schneemann, könnte aber eine Vorbereitung zum burning snowman sein…)

Das Lied:

Der Cartoon:

Türchen 4 (von Jasmin)

Lange habe ich mir Gedanken gemacht, worüber ich schreiben soll? Sind es die aktuellen Themen wie den Klimawandel, Brexit oder die weltweiten Kriege oder eher Dinge, die wir wirklich beeinflussen können?

In diesem Zusammenhang habe ich mein Jahr 2019 reflektiert: Einen Tag nach meinem Geburtstag im März kam ich mit einer Blutungsgerinnerungsstörung ins Krankenhaus und musste dort fast drei Monate verweilen, weil die Ursache nicht ermittelt werden konnte und jegliche Heilungsversuche scheiterten. Dort habe ich tagtäglich miterlebt, wie Menschen aufgrund einer Krebserkrankung leider oftmals schneller von uns gegangen sind als erwartet. Und obwohl der Arzt mir sagte, dass meine Erkrankung nicht zu unterschätzen sei, hab ich an diesen Tagen immer daran gedacht, dass es den anderen schlechter ging als mir. Nach einigen Untersuchungen wurde bei mir eine fehlerhafte Milz aufgrund meiner erfolgreich überstandenen Krebserkrankung von vor 10 Jahren diagnostiziert und ich musste diese in einer Risikooperation entfernen lassen. In diesen Minuten vor der Operation hat sich meine vergangene Lebensgeschichte in meinem Kopf abgespielt und ich habe enorme Angst bekommen, diesen Eingriff nicht zu überleben. In den Armen meines Mannes kam mir nur der Gedanke, ich habe mein Leben nicht richtig gelebt, bin Mitte 30, habe nur gearbeitet und die Familienplanung nach hinten verschoben. Was ist, wenn ich nicht mehr aufwache? Was macht mein Mann ohne mich? Wie werden meine Eltern und Geschwister dieses Schicksal verkraften?

Ihr fragt euch jetzt sicher, was will sie uns damit sagen? Fakt ist, dass wir unser Leben erst achtsam schätzen, wenn wir krank sind oder mit dem Tod konfrontiert werden. Aber im Endeffekt, kann jederzeit unsere Zeit abgelaufen sein, also lebt!

Für mich war es unbezahlbar, meine Augen zu öffnen und am Leben zu sein. Insofern ist meine wichtigste Erkenntnis: Wir sollten uns glücklich schätzen, wenn wir gesund sind, leben und die Zeit mit unseren Liebsten genießen können. Denn das ist unser teuerstes Hab und Gut, das mit keinem Geld der Welt bezahlt werden kann.

In diesem Sinne wünsche ich eine besinnliche Weihnachtszeit.

Türchen 3 (von Thomas)

Ein Plädoyer für Klimaerwärmung!

Die Eindrücke der beginnenden Adventzeit, insbesondere in den Einkaufsstraßen und Shopping-Malls zeigen für mich wieder einmal, dass die „stillste Zeit im Jahr“ durch hektisches Herumlaufen, versehentliches Rempeln und audiovisueller Reizüberflutung gekennzeichnet sind. Keine Spur von Ruhe und Innehalten. Dies sind jedoch jene Dinge, die ich im Advent am meisten suche, aber am ehesten vermisse.

In diesem immer hektischer anmutenden Treiben gehen auch Menschen am Rande der Gesellschaft, die am Straßenrand um ein paar Euros betteln oder den “Augustin” verkaufen, buchstäblich unter. Blickfang sind nur mehr grelle Reklamen und ein Wildwuchs an Weihnachtsbeleuchtung. All diese Dinge drücken, so finde ich, eine gewisse Rohheit, eine Art sozialer Kälte im alltäglichen Leben aus.

Andererseits habe ich unlängst außerhalb von Wien, mitten in der Natur, zwar einiges an meteorologischer Kälte abbekommen, aber gleichzeitig waren die kurzen Begegnungen der Wandernden von einem herzlichen „Griaß di“ inklusive Lächeln begleitet. Das war für mich ein krasser Kontrast zum vorigen Einkaufssamstag.

Was meine ich nun mit der im Titel erwähnten “Klimaerwärmung”? Das sich zu Ende neigende Jahr 2019 wird als eines der heißesten seit Beginn weltweiter Temperatur-Aufzeichnungen eingehen. 2019 wird auch als ein Jahr wiederauflammender bzw. bestehender Konflikte in Erinnerung bleiben. Das bedeutet einerseits werden die Temperaturen weltweit im Schnitt immer wärmer, in unserer Gesellschaft besteht jedoch oft soziale Kälte.

Im Sinne des Energieerhaltungssatzes wäre es doch super ein oder zwei Grad Celsius aus der Atmosphäre entnehmen zu können und diese Energie in den Aufbau und Erhalt von Solidarität in unserer Gesellschaft zu investieren um so eine Erwärmung des gesellschaftlichen Klimas zu gewährleisten :-).

Türchen 2 (von Alex und Berndt)

The Quest for Passion

Das Video ist als Loop gedacht (rechte Maustaste im Video und “Wiederholen” anklicken), um das immer wiederkehrende Bedürfnis nach Verfolgung von Leidenschaften anzudeuten. Die Katze begibt sich auf ein, für Sie unübliches Terrain und auf eine gefährliche Reise bei der die abschließende Belohnung ungewiss ist, nur um danach wieder erneut auf diese Reise zu gehen.

 

Türchen 1 (von Marcel)

Beinahe ein Jahr ist vergangen seit meiner verzweifelten Abrechnung am 24.12.2018. Dieser Tag war der Höhepunkt eines Gefühls, das schon länger in mir vorhanden war und sich langsam verstärkt hat. Ein Gefühl, welches ich in dieser Form in meinem Leben zuvor noch nicht hatte oder besser gesagt, nicht wahrhaben wollte. Das Gefühl nicht mehr zu können, die Kontrolle zu verlieren.

Generell war 2018 aufgrund verschiedener Ursachen, einige habe ich damals aufgezählt, ein Jahr, welches für mich, meine Ehe und meine Familie zu einer Zerreißprobe wurde. Lebenskrisen, Ehekrisen und damit zwangsläufig Familienkrisen. Ich kann ohne Übertreibung behaupten, dass es mental das schwerste Jahr meines Lebens war.

In dieser Zeit musste ich ein ganz wichtiges Paradoxon begreifen: Schwäche zulassen können, macht stärker! Ich musste lernen, nicht immer stark sein zu müssen. Ich darf mich verletzlich zeigen, darf verzweifelt sein und weinen, ich darf mich lenken lassen, wenn ich den Weg nicht mehr kenne und ich darf mich fallen lassen, um aufgefangen zu werden. Ich darf Kontrolle verlieren und auch bewusst abgeben.

In meinem Leben wollte, nein musste ich stark sein, um mich zu schützen, so wie viele das von uns wahrscheinlich machen. Zudem wird Stärke zeigen (müssen!) leider immer noch als ein männliches Attribut vermittelt, welches vielen meines Geschlechts schon früh sozialisiert wird. Natürlich gilt das auch für Frauen, insbesondere was die Gratwanderung betrifft, nicht die klischeehaften Attribute weiblicher Schwäche zu bedienen und dann aber auf der anderen Seite daher keine Schwäche mehr zulassen zu können. Aber im Fall Schwäche zeigen und zulassen ist es wahrscheinlich besonders für einen Mann aufgrund unserer Sozialisierung wichtig und schwierig zu lernen, dass dies legitim ist. Mehr sogar, dass es für die psychische Gesundheit notwendig ist. Niemand kann immer stark sein ohne negativen Nebeneffekt.

Ich habe eine Kindheit und Jugend gehabt, in der ich einerseits mit viel Liebe von Seiten meiner Familie aufgewachsen bin, aber andererseits nie eine “normale” intakte Familie und leider auch kein positives männliches Vorbild hatte. In dieser Zeit habe ich begonnen ein Schutzschild um mich herum zu bauen, um mich zu beschützen. Dazu kam mein Päckchen, welches wohl jeder Mensch in irgendeiner Form mit sich herum trägt. Mein Päckchen war mein Gewicht, welches ich im wahrsten Sinne des Wortes schon früh mit mir herumschleppte und das sogar optisch ein Schutzschild darstellte. Ich war schon damals ein positiver Mensch und konnte mit Beleidigungen und „Scherzen“ ganz gut umgehen. Aber mein Selbstbewusstsein hat es sehr wohl beschädigt. Das ich hinzukommend noch spät in die Pubertät kam und damit immer 2-3 Jahre jünger aussah, war in Kombination kein gewinnbringendes Duo für meinen Erfolg bei Mädchen. So blieben meine Verliebtheiten lange Zeit unerwidert. Und wenn ich mich auch immer auf meine Familie verlassen konnte, so ist man in diesen Dingen oft völlig alleine. Ich war nicht in der Lage etwas zu sagen, zu weinen und im Hilfe zu bieten. So wurde Bud Spencer zu meiner imaginären Vaterfigur. Auch er war übergewichtig, aber auch stark und unbesiegbar. Er kämpfte immer für die Kleinen und für das Gute, und natürlich gewann er und zeigte sich barmherzig. Und so hat er lange Zeit auch mich mit seiner mächtigen Faust beschützt.

Dieses Schutzschild und die Angst vor Kontrollverlust bzw. verletzlicher Offenheit zu erkennen und abzutragen war viel Arbeit und dauert immer noch an. Sowohl sozialisierte als auch selbst gesetzte Grenzen sind nur langsam zu überwinden. Doch jetzt weiß ich, dass stark sein, nicht heißt, niemals schwach sein zu dürfen, sondern es heißt zu wissen, wann man schwach sein darf, wann man um Hilfe bitten kann und zu akzeptieren, dass man nicht alles alleine schaffen kann.

Schwäche zulassen in der Partnerschaft.
Schwäche zulassen als Vater sowie als Sohn.
Schwäche zulassen im Beruf.
Schwäche zulassen in der Sexualität.
Schwäche zulassen in der Bewältigung des Lebens.

Das Projekt Blogsinn hat mir selbst sehr geholfen, dies zu erkennen, weil ich hier begonnen habe, über Gefühle zu schreiben und mich zu öffnen. Seitdem fühle ich mich freier, ehrlicher und authentischer. Wer weiß, vielleicht habe ich es unterbewusst auch deswegen gestartet?!

Und so darf bzw. soll Blogsinn auch für andere eine Plattform sein, diesen ersten Schritt gehen zu können. Der Adventskalender ist ein Chance dafür.

In diesem Sinne wünsche ich uns einen wunderbaren Blogsinn Adventskalender 2019.