Impressionen
Was verbinden wir mit Weihnachten, den Tagen vor dem Jahreswechsel? Hektik, Aufregung, Familienzeit, die Sehnsucht nach Einkehr und Ruhe? Und wo könnte es ruhiger sein – als unter Wasser?
Also wieder einmal Tauchen. Allzu weit wegfahren macht auf vielen Ebenen keinen Sinn. Zumal es wunderbare Gewässer hierzulande gibt. Wieder einmal Tauchen in den Attersee. Vorbereiten, die Tauchkiste packen und natürlich warm anziehen. Merinounterwäsche, ein Pullover, dicke Socken. Die Fahrt hin wie eine langsame Annäherung. Kaum jemand fährt an die Seen um diese Zeit. Der touristische Betrieb hat nach der Sommersaison Pause. Besinnlichkeit auch hier.
Und dann hin an den See. Es ist wenig los, die vorweihnachtliche Geschäftigkeit macht offenbar einen Bogen um kühle Gewässer. Nur ein paar Tauchkolleg:innen bereiten sich an den jeweiligen Spots vor um ein bisschen Einkehr zu halten. Wir haben unseren Platz erreicht. Nichts herausforderndes, nicht allzu tief, keine Steilwand, ein gemütlicher Einstieg . Die Vorbereitung der Flaschen, Jacket kontrolliert, alle Schläuche dicht. Umziehen, hinein in den Trockentauchanzug. Die Finger sind noch einigermaßen aufgewärmt, das wird sich allerdings bald ändern. Alles angezogen, hinauf mit der Flasche, Check mit dem Buddy, ob alles sitzt und alles so funktioniert, wie es sein sollte. Alles in Ordnung, die Regler funktionieren. Und hinein in das Vergnügen.
Hinein ins Wasser, die Kälte des Wassers ist spürbar, durch den Anzug, durch die Kleidung. Die Finger kurz ins Wasser gehalten – ja, frisch. Ein wenig Wasser ins Gesicht, um sich ein wenig daran zu gewöhnen. Regler in den Mund, ein Blick zum Buddy, stummes Einverständnis, Daumen hinab, abtauchen. In die Knie gehen, ins Wasser tauchen. Sobald das Gesicht ins Wasser taucht, fühlt sich der Bereich um den Mund frostig an. Das wird jetzt so bleiben, für die nächste halbe Stunde, Stunde. Soll so sein. Eintauchen, Luft aus dem Jacket, ich tauche langsam ab. Auf drei Meter ein Blick zu meinem Buddy, ein scheuer Blick, Zustimmung und Skepsis in seinem Blick. Weiter hinunter. Der Grund ist ein wenig aufgewühlt von unserem Einstieg, aber fünf Meter unter der Oberfläche wird das Wasser wieder ein wenig klarer, die Schlamm oder Staubwolke über uns beruhigt sich.
Weiter hinunter. Ich bemühe mich um ruhige Atmung, Aufregung ist nicht gut unter Wasser. Tauchen um diese Jahreszeit hat den Vorteil, dass die Sicht besser ist als im Sommer oder im Frühjahr. Ich lausche und höre nichts, außer mein eigenes Atemgeräusch durch den Regler, und ein wenig Wasserrauschen. Stille, der Welt der Oberfläche entzogen, hier, zehn, fünfzehn Meter unter Wasser. Hier ist keine Hektik, hier keine Geschäftigkeit, kein Stress. Auch Stress ist beim Tauchen nicht gut, also gilt es das zu vermeiden, wir wollen einen ruhigen, sicheren, ja besinnlichen Tauchgang. Vorweihnachtlich.
Der Untergrund ist bedeckt von Quaggamuscheln, eine invasive Muschelart, die sich in den heimischen Seen ausbreitet und auch hier, am Attersee nahezu überall wuchert. Weiter oben gab es noch vereinzelt Pflanzenbewuchs, hier, auf fünfzehn Metern ist es schon zu dunkel. Wir sehen uns an, ob wir noch weiter hinunterwollen, stummes Einverständnis, dass wir auf dieser Höhe bleiben, ungefähr. Wir tauchen nach links, irgendwann sollten wir dann auch ein Wrack eines alten Ruderbootes stoßen. Oder auch nicht, wir tauchen meist nicht für bestimmte Ziele, sondern für das Gefühl der Entrücktheit, die Stille, die Schwerelosigkeit unter Wasser. Wir gleiten sanft dahin, im Halbdunkel wenig Abwechslung, Quaggamuscheln, hin und wieder ein hineingefallener und abgesunkener Baumstamm. Steine, ein Abhang, eine Biegung des Seeufers. Die Finger werden allmählich kühl, Zeit sie ein wenig zu bewegen. Und auch Zeit schön langsam umzudrehen, die Flasche ist halb leer. Wenig ist schöner als sich der Welt durch Tauchen zu entziehen, das Gefühl zu genießen an einem Ort zu sein, für den man nicht gemacht ist, der einem aber immer empfängt wie einen alten, lang nicht mehr gesehenen Freund. Wir schlagen der Welt ein Schnippchen, eine kurze Meditation unter Wasser, und kehren gestärkt zurück.
