Türchen 20 (von Jörg)

Wie, es ist schon der Zwanzigste? Verrückt ist das. Aber es ist ja Samstag, heute ist die Mittagspause ein bisschen später. Ok… hm, können wir dann noch spielen? Haben wir noch ein bisschen Zeit zum Spielen? Komm Papa, gehen wir noch ein bisschen spielen! Aber jetzt ist Mittagspause, du kannst leise ein bisschen spielen. Ein paar Spielsachen sind ja noch nicht eingepackt. Mit Papa? Der Papa muss noch ein bisschen arbeiten. Die Autos sind noch nicht eingepackt. Das stimmt, dann kannst du mit den Autos noch leise spielen, ok?

Also wenn wir jetzt die Bilder abhängen, wird es auf einen Schlag nicht mehr unsere Wohnung sein. Lassen wir sie noch bis zum Schluss hängen! Und die alte Wanduhr, die übersiedeln wir dann mit dem Auto. Die anderen Uhren können wir eigentlich weggeben. Aber die dort ist die einzige, die geht. Das verwirrt doch die Kinder nur, wenn alle Uhren stillstehen, aber eine sich bewegt. Und du hast die Kuckucksuhr in der Küche vergessen, die geht! Ja. Warum haben uns deine Eltern eigentlich diese Weinflasche geschenkt, die kann man doch schon lange nicht mehr trinken! Diesen Beaujolais? Weil es mein Geburtsjahrgang ist. Also haben sie sie dir geschenkt und gar nicht uns. Haha, ja stimmt.

Das Parfum von Knize trag ich zu Weihnachten auf. Ich liebe das an dir, niemand hat das sonst. Du hast es so gut für mich ausgesucht! Es ist so wie beim Kölnisch-Wasser, das riecht auch seit Jahrhunderten gleich. Es passt zu uns, hier darf die Zeit stillstehen… In welchen Kisten ist noch Platz? Meine Anzüge lege ich dann einfach da drauf alle, bei den Hemden können wir noch aussortieren. Ok, und was ist mit deinem Schmuddelkram, brauchen wir den? Ich weiß nicht, ich ordne den auf jeden Fall um, eher zur Kunstgeschichte und nicht zur Religionswissenschaft. Mir ist es eh auch lieber, wenn die Kinder mal diese Bücher finden, anstatt im Internet… „Yours Truly“ schmeiß ich weg, oder wir legen es in so eine Bücherbox. Warum hast du das überhaupt? Ich kenne die Autorin flüchtig. Das ist diese komische BDSM-Story? Ja, der Alex ist der Gute und dieser Vincent dann der böse. Hahahaha, ja ich erinnere mich, was für ein Schrott… Die anderen Messen von Joseph Haydn kommen dann in der neuen Wohnung erst an die Reihe, jetzt hören wir nur mehr Weihnachtsmusik, oder? Ja, den Max Raabe kannst du auch noch heraußen lassen, wegen des Kaktus.

Brauchst du diese T-Shirts noch, die hast du doch nie an? Nein, warte, das „Ramones“-Leiberl bleibt, das hab ich damals am Gymnasium aus dem FHM-Magazin bestellt! Aber das trägst du nie. Ja, aber wegen der Erinnerungen. Welche Erinnerungen, du hörst solche Musik nicht einmal. Ja ok, aber hau dann doch lieber die anderen Sachen weg. Ok, ok… Ah, da wieder Damenunterwäsche von früher, von deinen Exen. Ja die kannst du weghauen, weiß gar nicht, warum ich die hierher übersiedelt hatte. Nein, nein, dieses Blumenhöschen, das trägst du doch immer so gerne, das bleibt natürlich! Also bitte, hau es weg! Nein, nein, mein Lieber, das darfst du behalten! Bitte hau es weg, und von mir aus auch die ganzen T-Shirts. Den Pulli da auch. Wie, gerade den könntest du doch mal anziehen, der ist schön. Ja, aber viel zu groß. Ich hab den seit zwanzig Jahren in der Hoffnung, einmal reinzuwachsen. Naja, einen Papabauch bekommst du. Was, wirklich? Hm, eher starke Arme krieg ich wohl, oder warum ist schon wieder eine Weste aufgerissen? Weil dein Zeug einfach alt ist und sich auflöst.

Mausi, warum willst du das wegschmeißen, darin siehst du doch gut aus? Weil ich nicht reinpasse. Aber geh… Und ich ziehe das nicht an, das ist gar nicht meine Farbe. Wieviel hat es gekostet? Gar nix, das habe ich bei diesem Bijou-Brigitte-Laden mal mitgenommen, völlig unwichtig. Das Dorotheum hat sich übrigens gemeldet, das Perlenarmband von meiner Oma ist repariert. Es passt super zu dir, du siehst aus wie Mitte 40 damit. Das kommt eher von den Augenringen, aber sowas kennst du nicht, ihr Männer bekommt sowas nicht. Ja, weil wir einen gesegneten Schlaf haben, und das, obwohl niemand die ganze Nacht an unseren Brüsten saugt. Dann würden wir noch besser schlafen! Hahaha, hast du eine Ahnung!

Schönen Gruß von deiner Mutter! Ich hab für meinen Vater noch kein Geschenk. Vielleicht schenke ich ihm diese Mariendistel-Kapseln, so einen Jahresvorrat. Vielleicht gibt es irgendeine Spirituose aus dem Schwarzwald, die wir ihm einpacken können? Beim Meinl am Graben hab ich aber nichts gesehen, und ich kann ihm nicht immer Bücher schenken. Oder ich finde etwas Katholisches, um ihn mal richtig zu konfrontieren. Bei der kirchlichen Hochzeit müssen wir auch unbedingt so Fürbitten schreiben wie: „Und rette alle, welche die Wahrheit noch nicht erkannt haben, vor der ewigen Verdammnis!“ Oder etwas über die Geschiedenen, damit deine Eltern so richtig mit den Zähnen knirschen. Am Schluss gehen alle kreidebleich raus, und wir so: War es nicht eine wunderschöne Trauung?

Ach, wären wir schon in der neuen Wohnung, in Thalheim! Da hätten wir sicher Weihnachtsdeko und es wäre eine ruhige Stimmung. Hm, uns wird auch bestimmt langweilig dann. Was für ein feines Gefühl, Langeweile zu haben, sowas kenne ich gar nimmer. Oder es kommt ganz anders, du wirst gleich Bürgermeister und dann stehen wir im Mittelpunkt des Gemeindelebens. Ja gut, das kann passieren, aber du kannst trotzdem nicht immer „Griaß di!“ zu allen sagen. Aber das sagt ihr doch immer! Ja, aber nicht so im Singular, das ist zu vertraut, es geht nur als „Griaß eich!“ im Plural. Bei „Pfiat di!“ gilt das auch, nur „Pfiat eich!“ geht, aber das betont man anders, höflicher. Sonst klingt das wie „Kannst dich eh schleichen!“ oder so. Also ihr beschimpft euch nie, sondern sagt einfach normale Sachen und meint es übel. Ja, so funktioniert Oberösterreichisch. „Is scho recht.“ Das Todesurteil.

Hanoi, i schwätz einfach Schwäbisch, dann wissen alle, dass ich, wie sagt ihr, die Dei bin, aber keine Dosige, sondern eine Deutsche. Hahaha, wirst schon sehen, bald bist ganz eine Thalheimerin und machst was im Familienausschuss! Lieber in der Pfarre, der Pater Wolfgang sucht eh sicher jemanden zum Plaudern. Und meine Mutter. Ja, und dein Vater… Ich kann nur mehr Bürgermeister werden, um diesen Verpflichtungen zu entgehen, es ist der einzige Ausweg.

Also vier Tage noch hier, und dann ist Weihnachten. Dann sind wir die Feiertage noch bei deinen Eltern und dann am Samstagvormittag kaufen wir die Matratze, die bringen wir dann gleich in die Wohnung, dann fahren wir mit dem Auto nach Wien. Den Kinderwagen lassen wir gleich daheim, den Roller am besten auch. Sonntag können wir vielleicht ins MAK gehen, damit wir nachher Wien nicht mehr vermissen. Am Montag kommen sie dann gleich in der Früh mit dem Laster. Und dann sind wir zu Silvester schon nicht mehr hier.

Es ist schon der Zwanzigste. Verrückt ist das.

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