Türchen 4 (von Christiane)

Geschrieben und Vorgelesen von Christiane

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Gedicht / poetry slam über ADHS

Die Liebe zum Leben, zu Menschen und Tieren.
nächtelanges Recherchieren,
Interessens-Attacken, fiebernde Neugier -das sind WIR.
Sich vertiefen und bilden. Eintauchen. Fließen. ZERRINNEN. Die Kraft zerfließt. Gähnende Leere, kreischende Freude. Ein großes Herz und viele Fragen. Ein wacher Geist, wach wie ein Wachhund, der oft Sediermittel im Futter hat.
Ein Wachhund mit Demenz-Anfällen, der wohl Schnaps getrunken hat.

Offenheit und Mut. Gerechtigkeit und Liebe. Verzweiflung und Chaos.
Wir vergessen zu essen, vergessen zu trinken. Duschen nicht und stinken. Verlieren unsre Sachen, da kann man nichts machen. Kommen immer zu spät, da hilft auch kein Gebet. Anecken und tägliches Scheitern. Wieder Aufstehen. Wir wissen nicht woher die Kraft noch kommt, aber stehen wieder auf, fallen und stehen wieder auf, wieder und wieder. Wir vernetzen uns. Wir helfen. Wir lieben. Wir leiden.
Beginnen mit unsren Träumen……..
und zerrinnen in chaotischen Räumen. Überforderung. Wut. Es überflutet uns, wir ertrinken in Tränen. Ein unendlicher See aus Tränen. Tränen und Träume. Träume und Tränen.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben. (Hermann Hesse hatte eindeutig ADHS.)
Wir erfinden neue Welten. Schillernde Welten. Wir tanzen und feiern. Sind kreativ und so gescheit. Gescheitert gescheit. Gescheit und gescheitert. Lieb und lustig und so kreativ.

Wir sind wild entschlossen.
Empathisch, Weltoffen,
Und manchmal besoffen.
Magisch und toll,
der Kopf ganz voll.

Wir denken neu, wir erschaffen Welten. Lieben, leben intensiv. Vernetzen uns und trösten uns. Und stehen wieder auf. Miteinander. Wieder auf. Es geht bergauf.

Das sind wir,
wir sind hier.

Türchen 3 (von Olga)

Wir sind jetzt bald am Ende 2025 angekommen, jedoch habe ich immer noch das Gefühl, mich gedanklich und emotional im Jahre 2024 zu befinden. 

Dieses besagte Jahr war für mich ein sehr schweres und bedrückendes, da mein geliebter Mann Georg so plötzlich am 3. April verstorben war. 

Danach war nichts mehr wie es war, ich fiel in ein tiefes Loch, in dem ich mich gefühlt heute noch befinde und noch keinen richtigen Weg gefunden habe, da wieder herauszukommen.

Ich nehme zwar an Trauergesprächen teil, gehe unter Menschen, merke jedoch, dass es noch sehr viel Zeit braucht, um mit diesen für mich schweren Schicksalsschlag klar zu kommen. 

“Da ist diese Liebe, die man für einen Menschen empfindet und die ja nicht durch seinen Tod endet.”

Ich genieße und freue mich jedes mal auf die Zeit, die ich in Wien verbringen kann und darf und danke meinem Sohn von ganzem Herzen, dass er mir dies uneingeschränkt ermöglicht. 

Für mich bleibt nur zu hoffen, dass die Zeit mir dabei hilft, mit diesem großen Verlust umzugehen.

“Auch wenn ich Dich nie wieder sehen werde, weil Deine Reise auf dieser Erde zu Ende ist, weiß ich, dass alles gemeinsam Erlebte und all die wundervollen Erinnerungen an Dich nie verloren gehen werden, weil ich sie in meinem Herzen trage.”

Ich wünsche Euch allen ruhige, besinnliche Weihnachten und ein gesundes neues Jahr 2026

Türchen 2 (von Elena)

Adventruhe

Ich war das Hetzen und Hasten,

Von schön zu noch schöner, 

gestolpert über das nie und nimmer rasten.

Nun bin ich still,
Ich bin der Raum dazwischen,
Ich bin – das noch nicht und nicht mehr – das ich will.

Ich bin das Glitzern im Reif,
Die Wärme der Flammen,
Das Glühen im Sternenschweif.

Ich bin der Trubel und Jubel sinkender Flocken,
das güldene Innehalten
und ewiges Frohlocken.

Ich bin die alles enthaltende Leere,
Die Pause vor dem Einatmen,
Ich bin     .

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Ich bin jetzt stolz und großteils sehr zufrieden mit mir und meinem Leben und ich spüre wieder richtiges Glück. Was für ein Segen, was für eine Freude!
Das letzte Jahr hieß es für mich hier in meiner neuen Heimat in Graz anzukommen. Was gar nicht so leicht war, denn zunächst bin ich wegen Beziehung und Job noch alle zwei Wochen für mehrere Tage nach Wien gependelt. 

Die vielen Ortswechsel, emotionale Altlasten, neues Glück und die Vermischung von altem und neuem Lebensort forderten ihren Tribut und ich war über 6 Monate mit wiederkehrenden schlaflosen Nächten konfrontiert. So hatte ich mir den Neubeginn nicht vorgestellt. Zum Glück hatte ich parallel viele schöne Erfahrungen, wundervolle Natur um mich und einen liebevollen Partner, die mir in dieser Zeit trotzdem Kraft gaben.
Erst ab Juni konnte ich ganz hier, in Graz, sein und im Juli kam dann schon der Einzug meines Partners. Eine große Umstellung von Fernbeziehung auf fast 24/7 Zusammensein. Ich war im Homeoffice, mein Partner auf Arbeitssuche. 
Der Sommer war generell sehr bewegt. LaStrada Graz, ein Clownworkshop, Feuerzeremonien, ich steckte oft bis zu den Ellenbögen in der Gartenerde und zusätzlich gab es viele Besucher bei uns im Babajihaus. An Ruhe war meist nicht zu denken.

Im September stellte ich mich quer. Ich wollte nur noch Badeausflüge machen und so selten als möglich nach Wien. Es war als wenn man jemanden, der gerade einen Marathon gelaufen war, fragen würde ob sie nicht Lust hätte auf eine Gipfelwanderung. Neeeeein hat sie nicht. Ich wollte hier sein, mit dem was jetzt da war, dran war. Wollte Klarheit für offene berufliche und persönliche Fragen finden. Das tat ich dann auch. Ruhe kehrte ein. Wichtiges das nebenbei herrennen musste kam nun ins Zentrum.
Ich fand gemeinsamen und getrennten Raum in der Beziehung und unserer Wohnung. Ich hatte jetzt genug Zeit meine Selbständigkeit aufzubauen und mich auf meinen Diplomabschluss als Mal-und Gestaltungstherapeutin zu konzentrieren und dann auch final zu feiern! 

Eine reiche Zeit, durchsetzt von Momenten des leisen lauten Staunens.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine ruhige und besinnliche Vorweihnachtszeit mit schönen Momenten im familiären Rahmen oder kuschlig allein zuhause! Elena

Türchen 1 (von Bernhard)

Unsere Tochter ist hochbegabt

Dieses Jahr kam unsere Tochter auf die Welt und ehe sie das Fruchtwasser ausspucken konnte, wurde uns klar: Hier muss eine Hochbegabung vorliegen! Während die anderen Säuglinge auf der Station ihr Dasein mit neugeborenentypischen Aktivitäten wie der Veräußerung erster Ausscheidungen fristeten, war unsere Tochter schon mit den tiefsinnigeren Fragen des Lebens beschäftigt und brachte ihren Weltschmerz ganztägig zum Ausdruck.

Von nun an wollten wir keine Zeit mehr verschwenden, denn wenn wir wirklich wollen, dass unsere Tochter noch im Vorschulalter die Universität “cum laudae” abschließt, sollten wir mit allem schon viel früher beginnen. So begannen wir beispielsweise schon in der zweiten Lebenswoche Beikost zu füttern. Und um gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu erschlagen, bekam sie eine Buchstabensuppe, denn so konnte unsere Tochter auch gleich Lesen und Schreiben erlernen. Blöderweise dürfte sich aber ein “J” mit ihrem Gaumenzäpfchen verheddert haben (oder ein anderer Buchstabe mit Widerhaken), denn das gesamte Nudelalphabet wurde mitsamt Stangensellerie und Brühe sogleich wieder erbrochen. Ein Spezialist, den wir kurz darauf aufsuchten, um ihre Dyslexie zu behandeln, wies darauf hin, dass der Verzehr einer Buchstabensuppe nicht notwendigerweise zum Lesen und Schreiben befähigt. Als wir darüber nachdachten, konnten wir dieser Einschätzung durchaus etwas abgewinnen. Schließlich können Babys die Buchstaben im Mundraum nicht sehen, lediglich mit der Zunge ertasten. Also bereiteten wir erneut eine Suppe zu, diesmal mit Brailleschrift-Nudeln als Einlage.

Nachdem unsere Tochter auch diese Suppe nicht halten konnte, mussten wir umdenken und wir fanden den Fehler bei den Zuständigkeiten. Wieso sollten wir selbst unserer Tochter Lesen und Schreiben beibringen, wenn es dafür eigentlich ein Bildungssystem gibt? Wir als Eltern haben mit dem Hochbegabungs-Spektrum unserer Tochter ja ohnehin schon ein hartes Los gezogen. Also suchten wir eine auf Montessori-Pädagogik spezialisierte Elite-Privatschule auf, um dort feierlich unsere Tochter anzumelden. Die Schuldirektorin jedoch reagierte abschlägig, da unsere Tochter ihrer Meinung nach noch nicht die Schulreife erlangt habe. “Sie sollte doch zumindest aus den Windeln raus sein”, sagte sie.

Wir entledigten also unsere Tochter ihrer Windel und um die Chancen zu verbessern, gaben wir unserer Buchstabensuppen-Strategie einen neuen Anlauf. Am nächsten Tag suchten wir also erneut die Leiterin der Privatschule auf. Auf dem Weg zum Direktorenzimmer bemerkten wir, dass es schon seit längerer Zeit seitlich aus dem Strampler unserer Tochter in bräunlichem, wenn nicht senfgelblichen Ton herabtropfen musste, denn der gesamte, von uns zurückgelegte Weg konnte bis zum Schuleingang zurückverfolgt werden. Als wir das Zimmer betraten, erbrach unsere Tochter plötzlich 5 Liter Brailleschrift-Suppe, die wir ihr kurz davor verabreichten. Unverzüglich hob die Direktorin den Telefonhörer ab, rief bei irgendeiner Nummer an und sagte: “Ich habe hier ein Kind, dem besondere Beachtung zukommen sollte!”

Wir hatten es also geschafft! Die Besonderheit unserer Tochter wurde erkannt. Zufrieden gingen wir nach Hause. Am nächsten Tag kam bereits ein ganzes Betreuungsteam bei uns zu Hause vorbei und nahm unsere Tochter mit. Sie zeigten uns ein behördliches Dokument und teilten uns mit: “Sie sind ab sofort von der Obsorgepflicht Ihrer Tochter entbunden!”. Nun kümmerte sich also der Staat um ihre Fortentwicklung. Endlich war unsere Tochter in den richtigen Händen! Seitdem haben wir auch nichts mehr von ihr gehört.

Nun ist Weihnachten, und wir fragen uns, wie steil ihre Karriere wohl schon vorangeschritten sein muss. Wird es ihr überhaupt möglich sein, ihr erstes Weihnachten feierlich zu begehen oder zwingt sie der akademische Wettbewerbsdruck zum Verfassen eines Papers für ein Journal selbst in dieser hochheiligen Nacht? Natürlich vermissen wir sie, aber wenn sie es einmal besser haben sollte als wir, dann ist es gut und recht, wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse zurückstecken. Und solltet ihr unserer hochbegabten Tochter auf irgendeiner High-Potential-Jobmesse begegnen, richtet ihr aus, dass wir unfassbar auf sie stolz sind.