Türchen 18 (von Doris)

Spurwechsel

Ich habe mich ewig lange vor dem Spurwechsel gefürchtet. Er war mein Feind. Ein nicht zu bezwingender Gegner.  Der Blick in den Rückspiegel versetzte mich immer in enormen Stress. Tauchte dort ein Auto auf und war es noch so weit weg, klingelte ein Alarm in mir. Ich wusste nicht was zu tun ist, konnte die Entfernung und die Geschwindigkeit nicht einschätzen. Was tun? “Besser warten”, leitete mich die Stimme in mir an. Bleib auf deiner Spur. Nichts riskieren. Warte. Auch wenn das bedeutete fürs Erste runter vom Gas zu gehen. Warte, bis es vorbeifährt. Du hast Zeit. Kein Stress. Ich lasse es vorbeifahren, dann fahre ich raus. Doch nach dem Auto tauchte noch eines auf – wieder recht weit weg aber doch da. Wieder warten. Wieder ein Auto, noch eines, noch eines und noch eines. Ich sah zu wie Auto um Auto in meinem Rückspiegel auftauchten, blinkten, mich überholten, an mir vorbeizogen als wäre es das natürlichste auf der Welt. Gegeben. Der Lauf der Dinge. Ich hingegen abgebremst auf 90kmh, einem LKW hinterher tuckelnd. Da war ich nun und traute mich nicht raus. Traute mich nicht auf die andere Spur zu wechseln. Es schien unmöglich mich, wie die anderen, in den Fluss des Verkehrs einzuklinken. Mitzufahren. Sich mitnehmen zu lassen mit dem Sog der Straße. Leicht. Flüssig. So als würde man tanzen.

Autobahnauffahrten waren das Schlimmste für mich, mein persönlicher Albtraum. Gezwungen auf kurzer Distanz die Spur zu wechseln schien mir wie russisches Roulette. Was wenn kein Platz ist? Was wenn 3 riesige LKWs dicht hinter einander fahren? Wie konnten alle anderen immer so ein Glück haben und beim Auffahren auf die Autobahn eine Lücke finden, die groß genug war um sich darin einzureihen? Wie machten die das? Zauberei, Glück? Zufall? Ich verstand es nicht und vermied es also Autobahn zu fahren, Bei google maps “Autobahn meiden” als Standardeinstellung – der Umwelt zuliebe 😉 lieber quer durch die Stadt oder umständlich in der Gegend herum. Vor andern Ausreden finden warum ich nicht den schnellsten Weg nehme. Alles aus Angst vor diesem verdammten Spurwechsel! Er trieb mir Angst und Schweiß in den Körper. Eine Stimme die mir sagte, dass ich das nicht kann, nie können werde, dass es böse enden wird und ich eines Tages mich und andere damit in den Tod reißen werde. Ich konnte nicht verstehen warum es andern Menschen nicht auch so erging wie mir, dass andere diese riesige Verantwortung nicht spürten, nicht unter ihr drohten zusammen zu brechen. Warum sie sie nicht mieden? War es ihnen nicht klar? Verstanden sie nicht? Eine Sekunde nicht aufgepasst, einen Moment falsch eingeschätzt, einen kleinen Fehler gemacht- bei 130 auf der Autobahn – Ende. Wieso spürte nur ich das? Wieso war niemand eingeschüchtert von dieser enormen Verantwortung für sich und andere? Es war mir unverständlich. Ich konnte keine Antworten auf diese Fragen finden und fühlte mich anders und unfähig.

Mittlerweilen bin ich eingestiegen in den Strom der Autokolonen. Seit Corona fahre ich viel öfter Auto als früher und konnte dadurch mehr Erfahrungen sammeln. Ich habe dazugelernt und weiß nun, dass ich keine leere Spur in meinem Rückspiegel brauche um die Fahrbahn zu wechseln. Ich kann jetzt besser einschätzen und habe es mehr im Gefühl welche Lücke es mir erlaubt zu blinken und raus zu fahren. Natürlich waren auch ein paar Fehler dabei und mitunter auch brenzlige Situationen. Göttin sei Dank ist nichts passiert. Glück gehört halt auch dazu. Heute jedenfalls bekomme ich keinen Angstanfall mehr, wenn ich weiß ich muss Autofahren. Lieben tu ich es noch immer nicht – oder maximal kurz. Ich fahre nicht gerne nachts, nicht gerne in Gesellschaft (weil ich mich da immer gleich bewertet fühle und noch mehr Verantwortung für den anderen spüre), einparken ist auch nicht meins.

Aber es geht und ich mache es. Ich habe dadurch viele Vorteile. Manchmal nimmt sogar ein kleines Gefühl der Freiheit und Selbstständigkeit in mir Platz und fährt ein Stückchen mit. Das genieße ich, es fühlt sich toll an. Ich bin dann ganz zufrieden mit mir und dem Moment. Es herrscht Frieden in mir. Ich fühle mich, brauche nichts mehr. Das möcht ich nicht mehr missen, möchte nicht mehr dorthin zurück wo ich einst war. Ich merke, dass ich mich in Punkto Autofahren entwickelt habe, ein wenig erwachsen geworden bin. Was zuvor unmöglich schien, ist jetzt möglich. Ein Wunder eigentlich.

Wie schön wäre es dieses Wunder zu kopieren und in andere Bereiche in meinem Leben einzufügen. Copy and paste. Fertig.  Also versuche ich diese Erfahrung rüber zu zerren in andere Bereiche in meinem Leben. In meine Trennung, meine Scheidung, meinen Auszug, meine neue Wohnung, meine verkürzte Zeit mit meinen Kindern, mein Einzelgehalt, mein Alleinerzieherinnendasein, mein Singleleben, meine Angst davor im Grunde alleine zu sein, nicht stark genug, nicht gut genug, nicht schön genug, nicht jung genug. Alles einfach mit der gleichen positiven Erfahrung überschreiben. Am Ende wird alles gut. Wie leicht klingt das. Wie cool wäre das. Doch die Wahrheit ist, die Rechtsfahrregel hat mich fest im Griff. Ich begegne den momentanen Herausforderungen in meinem Leben mit guten alten Bekannten. Sicherheit geht vor. Kontrolle muss sein. Rechnen. Planen. Organisieren. Langsam. Leise. Vorsichtig. Besser die anderen machen lassen, die können das besser. Warten. Immer dieses Warten weil die Autos im Spiegel gefühlt im Sekundentakt auf mich zu rasen. Ich kann jetzt zwar Autofahren aber fahre wieder ganz auf der rechten Spur, die Hände fest ums Lenkrad geklammert, angespannt, unentspannt. Bloß keinen Fehler machen, sonst ist alles aus. Jetzt eine falsche Entscheidung und es ist Ende. Dort war ich doch schon – warum bin ich jetzt wieder hier gelandet? Wieder eingequetscht zwischen alten LKWs, abgebremst und passiv, nur reagierend auf das was kommt und hoffend, dass es nicht schlimm wird. Es erscheint mir nicht logisch. Ich habe mich getrennt weil ich schon lange nicht mehr glücklich war. Ich habe so lange mit diesem Schritt gehadert, habe so lange in meiner Spur gewartet bis ich mich bereit für diesen Schritt, für diesen Spurwechsel fühlte. Ich habe den Blinker angeworfen und bin rüber auf die andere Spur. Dort wollte ich mein Leben weiterfahren. Die Kraft in mir, die Sonne im Gesicht, ein Lächeln auf den Lippen, Freiheit im Herzen. Ich wollte mich frei fühlen, fröhlich sein, ausgelassen, selbstbestimmt, neugierig, abenteuerlustig. Ich wollte mit mir an meiner Seite sein. Mir genug sein.

Was ist passiert? Warum finde ich mich an vielen Tagen wieder in meiner LKW Spur, in meiner inneren Blechkolone aus Angst, Unsicherheit und Selbstzweifel, Angepasstsein und Fremdbestimmtsein.

Der Verstand kommt mir zu Hilfe, er weiß, dass Entwicklung Zeit braucht und viele Wiederholungen, dass es gute und schlechte Tage gibt. Dass ich schon viel geschafft habe und auch das schaffen werde. Dass Veränderung Angst macht. Dass das alles normal ist. Das Gefühl ist aber enttäuscht die altbekannten Wege nicht endlich hinter sich zu lassen. Immer wieder auf die rechte Spur zu rutschen.

Ich versuche an solchen Tagen besonders nett zu mir zu sein. Sage mir, dass es okay ist so zu fühlen, dass es okay ist wenn man Angst hat, wenn man enttäuscht ist, dass es okay ist etwas nur halb gut zu machen, dass es okay ist momentan nicht das Ideale für sich und seine Kinder schaffen zu können, dass es okay ist einfach sein Bestes zu geben. Das es okay ist so wie es gerade ist.

Etwas in mir weiß, dass es sein wird wie beim Autofahren, dass der Tag kommen wird an dem ich merke, dass ich wieder wie selbstverständlich den Blinker drücke und rüber ziehe auf die andere Spur. Dass ich es tue ohne mich zu fragen ob ich es überhaupt kann. Dass ich mein neues Leben genieße, das Positive drinnen sehe, das Beste daraus mache, es nicht so wichtige nehme. Ich tue es einfach und kann es einfach. Und dann fahre ich als ob es immer so gewesen ist.

Ob auf altbekannten Wegen oder auf der Überholspur, ich wünsche allen ein gutes und gesundes Ende für dieses Jahr und von Herzen einen glücklichen Neubeginn im nächsten Jahr. Einen Aufbruch, wenn die Zeit reif ist und genug Zeit, wenn man aufgebrochen ist. Den Mut, die Spur zu wechseln und die Zuversicht, den richtige Augenblick dafür zu finden.

Alles Liebe Doris

Türchen 17 (von Jasmin)

Du hast das Recht, genau die Person zu sein, die du wirklich sein willst. 

Dieses Zitat von Michelle Obama begleitet mich die letzten zwei Jahre während meiner Selbstfindungsphase und hat bereits 2022 in meinem blogsinn-Beitrag Platz gefunden. 

Den letztjährigen Post habe ich insbesondere den Frauen gewidmet, die sich in einem 24-Stunden-Tag in mehreren Rollen befinden, sich aber selbst dabei vergessen.

Aber grundsätzlich gilt „sei du selbst“ allen Menschen auf dieser Welt.

Wir werden von Fremden beleidigt oder verurteilt, weil wir anders lieben, verschieden aussehen oder woanders herkommen, ohne sie zu kennen. Es wird nicht darüber nachgedacht, dass diese Worte oder Taten uns verletzen könnten. Und was ist leider die Folge? Wir verbiegen uns, um anderen zu gefallen. Das ist zwar der einfachste Weg, aber der falsche!

Du hast das Recht zu sagen, wenn dich etwas verletzt, traurig macht oder bedrückt. Du entscheidest, wie du sein willst. Mit allen Ecken, Kanten und Rundungen. Und wer dich nicht so akzeptiert wie du bist, sollte kein Begleiter auf deinem weiteren Lebensweg sein.

Also du bist gut wie du bist..Verliere nicht die Kraft! Sei einfach du selbst!

Schöne Weihnachtsfeiertage und einen guten Start in das neue Jahr.

Türchen 16 (von Thomas)

Dieses spontan am Vorabend des 16.12.2024 aufgenommene Foto hat mir geholfen meine Gedanken zum vergangenen Jahr ein wenig zu ordnen und mit dem Schreiben dieses Blogeintrags zu beginnen.

Zugegebenermaßen macht obiges Foto auf den ersten Blick einen eher düsteren Eindruck. Weihnachten lässt sich, wenn, dann nur an dem Tannenbaum links im Bild, welcher noch auf festliche Dekoration wartet, erhoffen.

In der Mitte des Advent des vorigen Jahres ist mein Vater verstorben. Damals war dieses Ereignis noch zu aktuell, als dass ich darüber schreiben wollte bzw. konnte. Musik war damals die einzige Ausdrucksform für mich während dieser akuten Trauerphase.
Wie im obigen Foto durch die dunkel gewordene Landschaft und das Abendrot symbolisiert, gab es in der Adventzeit 2023 Traurigkeit und schwächer werdende, lichte Momente. Die immer kürzer werdenden Phasen, in denen Gespräche mit meinem Vater noch möglich waren, waren umso kostbarer. Wie schwächer werdendes Licht an einem kalten, durch Wolken verdecktem Wintertag. Aber auch, wenn in den letzten Tagen nur mehr kaum bis keine Reaktion mehr kam und aus Gesprächen eher Monologe oder Erzählungen wurden, bin ich für jeden Moment, den ich an der Seite meines Vaters verbringen konnte sehr dankbar. 

Das gestern aufgenommene Foto zeigt nicht nur Traurigkeit, die Wolken sind von einem Band Licht durchbrochen. Über dem Abendrot leuchtet noch ein wenig Tageslicht. Es macht Hoffnung auf einen neuen Tag mit noch mehr strahlendem Licht.
Das vergangene Jahr hat auch viel schönes, neues gebracht. Im Sommer habe ich die Liebe meines Lebens geheiratet. Aus diesem gegenseitigen Anvertrauen hat sich auch ein Perspektivenwechsel in Richtung Zukunft und neues Glück ergeben.

Abschließend möchte ich auch noch einen Perspektivenwechsel zum Foto zu Beginn zeigen.
Mein Vater hat den oben gezeigten Ausblick oft gesucht. Bei gutem Wetter konnte er den Schneeberg sehen, wenn er seinen Blick weiter nach rechts richtete. Dieser Sehnsuchtsort war auch das Ziel unseres letzten gemeinsamen Familienausflugs und ist im Foto unten nun in der Mitte schemenhaft zu erkennen.

Jeder Moment des Lebens ist kostbar und kehrt nicht wieder. Umso wichtiger ist es Lebenszeit im Kreise unserer Liebsten zu verbringen.
In diesem Sinne möchte ich euch mit einer leuchtenden Perspektive eine schöne Weihnachtszeit wünschen!

Türchen 15 (von Ben)

As I sit here in front of the Christmas tree, its twinkling lights casting a glow across the room, I can’t help but feel the magic of the season. Outside, the frost has painted the world silver, and the chill in the air seems to make the warmth indoors all the more comforting. In my hand, I cradle a dram of whisky, its amber depths catching the light like liquid gold. Whisky, like Christmas, is an invitation to pause, to savour, and to celebrate the little joys that make life richer.

My journey into the world of whisky started with a little pretension. In my younger days, I thought of whisky as a drink of sophistication. So, I sipped and nodded along, pretending to detect nuances I hadn’t the faintest idea about. Over time, though, this gave way to genuine appreciation. Whisky has a way of drawing you in, inviting you to slow down and explore its complexity. What I’ve come to love most is how it brings people together. Whether it’s a tasting with friends or a shared dram at the end of a long day, whisky has an ability to spark connection and conversation. Everyone smells, tastes and perceives something different and unique. In that way, it feels like the perfect drink for the Christmas season — a time when we gather, share stories, and appreciate the warmth of each other’s company.

For this festive post, I couldn’t think of a better whisky to feature than the Bunnahabhain 12 Year Old. Bunnahabhain holds a special place in my heart – it was one of the first distilleries I encountered on my whisky journey, and it’s remained a trusted companion ever since. 

Nose (The smell): Right away, this whisky greets you with a wave of sweetness, flashbacks to some of my favourite childhood desserts. Caramelized pineapple, sticky toffee pudding, treacle, and a touch of marzipan all come to mind. Delve a little deeper, and a floral note emerges, wildflowers contrasting that dessert-like richness.

Palette (The flavour): The nose didn’t lie; the sweetness is front and centre here. Brown sugar, caramel, and maraschino cherries take the spotlight, supported by classic sherried notes like hazelnut, sultanas, and a touch of creamy vanilla. But what really sets this dram apart is its funky, earthy undertone — a distinctive “dirty” edge. Hints of roasted coffee and damp earth seem to ground the sweetness. The texture is thick, oily, and almost chewy!

Finish (After you’ve swallowed): The finish is impressively long, with flavours lingering well after the liquid has disappeared. At 60% ABV, you’d expect some heat, but this whisky avoids that, instead delivering flavour that clings to your tongue. It’s a satisfying finale to a special dram.

As we feel the winter’s bite, let’s raise a glass. Slàinte! Here’s to all of you reading, and to Marcel, whose wonderful advent calendar reminds us of the beauty in connection and storytelling. I hope you’ve enjoyed this journey into the world of whisky — and if you ever find yourself in Scotland one winter, know that you’re always welcome to join me for a dram.

Türchen 14 (von Richard)

Die Bitte ist, etwas Persönliches zu schreiben. Also gut, was Persönliches. Ich weiß aber nicht, ob es eine Geschichte ergibt, oder einen Zusammenhang mit irgendwas, oder letztlich überhaupt einen Sinn. Aber ich will schreiben, ich will, weil ich schreibe, denken, nachdenken. Möglicherweise bleiben nur ein paar Fragen übrig.

Heuer ist der Bruder einer Freundin gestorben. Einfach so. M war etwas jünger als ich, stand mitten im Leben, lebte gesund, achtete auf sich. Nichts deutete darauf hin, dass er bald sterben muss. Er hat sich Abends hingelegt und ist nicht mehr aufgewacht. Nicht einmal eine Obduktion konnte klären, woran er gestorben ist, einfach so. Auch das passiert.

M hatte eine tolle Beziehung zu seiner Schwester, sie haben nebeneinander gewohnt, sie hat ihn auch gefunden. Sie haben immer viel Zeit miteinander verbracht, ihre Leben miteinander gelebt. Deshalb habe auch ich M hin und wieder gesehen, ihn kennenlernen dürfen. Ein lebenslustiger Mensch, sehr schlau, humorvoll, begabt. Ich kannte ihn nicht besonders gut, aber er war ein Mensch, bei dem man sich wünschte, dass man ihn näher kennenlernen würde. Das geht nicht mehr, denn M ist gestorben, im August.

Der Tod von M hat mich beschäftigt, zunächst vor allem, weil seine Schwester leidet. Wir, die Freund:innen von ihr, haben versucht Trost zu spenden. Was lässt sich angesichts der Absurdität des Todes und vor allem dieses Todes sagen? Wie lässt sich Trost finden, Frieden finden, angesichts der großen Leere, der Lücke, der Dunkelheit, die der Tod hinterlässt? Wir haben versucht für sie da zu sein, aber was heißt das – die Lücke bleibt.

Natürlich habe ich auch nachgedacht, über den Tod von M. Über das Rätsel, das mir und uns der Tod von M aufgibt. Die eigene Endlichkeit, die Endlichkeit des Lebens, aber auch die Endlichkeit der eigenen Wirksamkeit. So viele Dinge, die wir nicht beeinflussen können. Auch wann wir gehen müssen, oder unsere Liebsten. Die Aufgabe besteht darin der Endlichkeit wach ins Auge zu sehen und nicht daran zu verzweifeln. Beides ist eine Aufgabe.

M ist zu früh gestorben. Es ist nicht in Ordnung, dass jemand stirbt, ohne ersichtlichen Grund (also etwa risikoreiches Verhalten), so jung. Das Vertrauen, dass es da irgendeine Art von Fairness gibt, ist ausgehöhlt. Wahrscheinlich ist M der erste meiner näheren oder ferneren Bekannten, die verstorben ist. Jemand, der jünger ist als ich. M’s Tod hat Bedeutung für sich, und als Verweis auf etwas anderes. Bedeutung für sich hat sein Tod, weil M fehlen wird, weil er in unserem kleinen Freundeskreis immer eine Lücke hinterlassen wird, weil er seiner Schwester und damit immer fehlen wird. Und er ist ein Verweis auf anderes, auch die eigene Endlichkeit und die Endlichkeit von allem, die ohnedies niemand begreifen wird können. Kann man? Und natürlich ist der Verweis auf die Endlichkeit nicht nur ein Verweis auf den Endpunkt, sondern vielmehr auf die Zeit, die es bis dahin noch geben mag. Und diese Zeit gewinnt an Bedeutung, die Zeit ist das einzige, was wir haben. Und damit natürlich sofort die Frage, was macht man mit dieser Zeit?

Sich um Dinge zu kümmern, zu bekümmern, die man nicht verändern kann, ist ein bisschen vergeudete Liebesmühe. Vielleicht sollte der Fokus auf die Dinge gerichtet sein, die für uns veränderbar sind, die wir ändern können. Auf uns, unsere Beziehungen, auf unser Sein in dieser Welt. Der Tod ist das Problem der Lebenden, ist der einzige Trost, dem man sich schenken kann. Der Tod ist das Problem von uns, nicht von M.

Ich habe die Einladung zu schreiben und damit nachzudenken dankbar angenommen. Ich wünsche Euch allen Schöne Feiertage, wunderbare und besinnliche Rauhnächte und alles Glück der Welt im neuen Jahr!

Türchen 13 (von Kathrin)

Dieser Adventskalender ist ein schöner Ort, wo Menschen über Ihr vergangenes Jahr reflektieren und die eine oder andere Einsicht, Erkenntnis und (wir werden alle älter) Lebensweisheit teilen. Mir fällt dabei auf, dass ich, je älter ich werde, desto weniger weiß (also darüber, wie das gute Leben geht oder auch nur gehen könnte). Wenn ich etwas sagen müsste darüber, dann vielleicht noch am ehesten, dass für mich zu einem sinnvollen und guten Leben essentiell gehört, sinnlose (das heißt eigentlich: zweckfreie Dinge) zu tun. Und dass „Kunst“ (Musik miteingeschlossen) machen zu den schönsten zweckfreien Dingen gehört, wobei Kunst hier nicht von Können kommt, sondern einfach eine Möglichkeit darstellt, eigene Gedanken, Ideen und Gefühle auszudrücken.

Als Marcel mir schrieb, dass nur noch wenige Türchen zu haben seien und darunter dann gerade der 13. war, war das ein bisschen wie ein Zeichen, ein Projekt anzupacken, das mich schon eine Weile beschäftigt: das Lucia-Projekt. Was über Lucia gesagt und geschrieben wurde, die heute Namenstag hat, könnt Ihr im Internet nachlesen, damit mag ich Euch jetzt nicht langweilen. Was mich an der Lucia-Legende interessiert hat, war zum einen, dass sie ähnlich wie andere weibliche Heilige vor allem über Attribute wie Jungfräulichkeit und Reinheit beschrieben wird, und zum anderen, dass es sich beim Luciafest, das sich heute in Schweden so großer Beliebtheit erfreut, im Grunde um eine Erfindung oder doch zumindest eine Wiedererfindung eines Bauernhausmuseums zu Beginn des 20. Jahrhunderts handelt. Was uns erscheint wie Traditionspflege, ist somit eigentlich Traditionsbildung. Dabei trägt ein möglichst blondes, möglichst langhaariges Mädchen die Lucia-Krone. Und ich habe mich gefragt, was passiert, wenn es nicht blonde („reine“, „jungfräuliche“) Mädchen sind, die diese Krone tragen, sondern Männer verschiedenen Alters, verschiedenen Aussehens und verschiedener Statur. Was macht das mit all unseren Lucia-Assoziationen? Und mit unseren Bildern von Mannsein und Männlichkeit?

Luzia 1
Luzia 2
Luzia 3
Luzia 4
Luzia 5

Ich hatte nicht gedacht, dass sich so kurzfristig doch einige Männer bereit erklären würden, hier mitzumachen, vielen Dank Gerhard, Bernhard, Stefan, Mathias und Florian. Und das Projekt ist nicht zu Ende. Männer, wenn Ihr mitmachen wollt, meldet Euch doch gerne bei mir!

Türchen 12 (von Elena)

Letztes Jahr schrieb ich von einem Ende, von dem wie es war auf die Nase zu fallen. Dieses Jahr möchte ich von dem Zauber des Anfangs berichten und welche „Zauberformel“ ich dafür entdeckt habe.

Für diejenigen, die es kurz und knapp wollen. Ich bin der Stimme in meinem Herzen gefolgt, die schon seit einigen Jahren quengelte und lebe jetzt in einem spirituellen Zentrum in Graz und darüber hinaus hat mich auch ein Mann gefunden, mit dem ich jetzt diesen gemeinsamen Herzensweg gehen kann. War 2024 leicht? Nein. Hatte ich viel Angst? Auf jeden Fall. Hat es sich gelohnt? Ja!

Für diejenigen, die sich für größere Lebenswandel und die Anfangs-Zauberformel interessieren, mach ich mich noch ein bisschen nackig.

Seit sicher ca. 10 Jahren spüre ich den Ruf meines Herzens stärker werden. Hin zu einem anderen Leben. Zu einem Leben mit mehr Natur und im Einklang mit meinem doch sehr spirituellem Charakter. Ich versuchte lange ein konventionelles Leben zu führen, das einfach nicht ganz mir entsprach und schon gar nicht in der Umgebung einer Stadt Platz hatte. Doch der Sog meines Herzens wurde immer stärker, mein Leben in Wien bröselte langsam dahin und alles, was diesem Sog entgegenstand musste gehen. Kennst du das auch? Ich denke es gibt eine Schwelle, wenn wir uns der Richtung und des Ziels schon sehr wohl bewusst sind, aber noch nicht genug Mut haben ihn zu gehen – dann hilft das Leben irgendwann nach und das muss nicht unbedingt angenehm sein.

Im Frühling 2024 machte ich endlich den Absprung, hinein in eine neue Lebenswelt, nach Graz. Ich habe jedes Fünkchen Mut zusammengekratzt, denn es war nicht irgendein Umzug, sondern DER Umzug, den ich schon so lange herbeigesehnt hatte. Hier im Babajihaus Graz mache ich, seit meinem 18ten Lebensalter, tiefschürfende spirituelle und herzöffnende Erfahrungen. Wer den Film „Sommer in Orange“ kennt, bekommt einen kleinen, übersteigerten Eindruck meines aktuellen Lebens. Das, was für viele Menschen schräg, esoterisch oder undenkbar ist begleitet mich schon mein Leben lang und gehört für mich zu meiner Normalität. Mit meinen Erlebnissen zwischen 12 und 36 Jahren könnte ich wahrscheinlich ein sehr trippiges bzw. bewusstseinserweiterndes Buch füllen. Abgesehen von dem spirituellen Aspekt gibt es hier auch einen riesigen Garten, der gepflegt werden will/muss und eine 76jährige Frau, der ich viel in meinem Leben zu verdanken habe und nun etwas zurückgebe.

Tatsächlich habe ich wegen meiner spirituellen Gesinnung öfters in meinem Leben damit geliebäugelt es als Nonne zu probieren, aber ich habe es nicht so mit dem Zölibat und mit eingeschränkten Religionen auch nicht. Außerdem gehört zu diesem Herzensweg auch noch etwas Essentielles bzw. ein Jemand dazu. Das ist der weitere Anfangszauber in diesem Jahr.  Ein Mann hat mich gefunden und ich habe mich ihm geöffnet, immer wieder, bis mein Herz wieder offen war. Was nach den vorangegangenen Verletzungen aus 2023 Mut erforderte, doch dieser Mensch lässt mich in meinem Mut wachsen. Ein Mensch, von dem ich nicht geglaubt habe, dass es ihn so geben würde. Nicht perfekt, aber einfach genau richtig für mich. Eine schöne Überraschung des Lebens.

An alle verletzten Herzen da draußen, spürst du jetzt Hoffnung oder eher Bitterkeit? Ich hoffe Ersteres! Wenn ich dir etwas mitgeben darf, dann dass Mut und das Vertrauen ins Leben und dich selbst unabdingbar miteinander verbunden sind. Mut ist bekanntlich nicht die Abwesenheit von Angst und der Lohn Entscheidungen zu treffen, die mich zunächst erbeben lassen und dennoch in Hingabe ins Ungewisse zu springen, um dann von etwas Größerem aufgefangen zu werden, zählt zu den schönsten Erfahrungen im Leben, die ich immer wieder machen darf. Somit ist die Zauberformel für einen gelingenden Anfang = Mut+Hirnschmalz+Vertrauen+EStun+Ruhepausen

Türchen 11 (von Sebastian)

Am frühen Nachmittag des Welttages der Berge

Der Himmel kündigt in einem zarten, blassen Blau einen wunderbaren Tag an, welchen ich gebührend mit einem Besuch des Lieblingsberges meiner Großmutter begehen möchte.
Von meinem Büro aus sehe ich ihn an vielen Tagen in der Ferne ruhig und einladend liegen und heute, am Welttag der Berge, scheint es mir nichts passenderes zu geben als an der eisig frischen Luft die malerische Erhebung zu erklimmen.

Um neben der Kälte, den Bergen und der Erinnerung an meine Großmutter den Tag mit Weiterem zu erfüllen, was mir Freude bereitet, entschließe ich mich, einen kleinen Umweg über den vierten Bezirk zu fahren.

Die blitzblaue Markise ist beim Einbiegen in die Gasse sogleich zu erkennen und bevor man das kleine Geschäfts noch betreten hat, umhüllt einen der Geruch von Schokolade.

Mit dem gewohnt bezaubernden Lächeln werde ich begrüßt und erwische mich sogleich wieder bei dem Gedanken, dass sich wohl mein Verlangen nach Schokolade in den vergangenen Monaten nicht derart gesteigert haben kann und es wohl andere Gründe gibt warum ich jede Woche hier erscheine um gerade nur so viele Tafeln Schokolade und raffinierte Pralinen zu kaufen, dass ich bestimmt nächste Woche wiederkomme.

Die heutige Ausbeute verstaue ich in meinem Rucksack und mache mich, fröhlich vor mich hinpfeifend auf den Weg zum Schneeberg.
Auf dem Parkplatz treffe ich erfreulich wenige Autos an und es liegt die Vermutung einer ruhigen Wanderung nahe.

Die durch die Anstrengung entstehende Hitze im Körper und die Kälte, die sich unter das Hemd schmiegt, halten sich im Gleichgewicht.

Die Beine scheinen über diesen Ausflug sehr erfreut zu sein und leisten besonders gute Dienste. Die Gruppe älterer Damen, die mich überholt, schmälert das Vergnügen in keinster Weise. Auf ihren Jacken, Hauben und Rucksäcken sind allerlei alpinistische Abzeichen zu sehen, wodurch sie sofort als geübte Bergsteigerinnen zu erkennen sind.
Der Gedanke, was sich das Grüppchen bei meinem Anblick denkt, bringt mir ein Schmunzeln ins Gesicht.
Einzig die Bergschuhe verraten, dass ich nicht im Büro falsch abgebogen bin und mich plötzlich auf einem Berg wiederfinde.
Kurz darauf erreiche ich das Gipfelkreuz und suche mir anschließend ein ruhiges Plätzchen, wo die Latschen noch nicht ganz vom Schnee bedeckt sind und ich mich mit herrlicher Aussicht, einem Jausenbrot und einem Stück famoser Schokolade stärken kann.

Um abzuschätzen, wann ich mich wohl zu Hause in Wien in die wohlverdiente heiße Badewanne legen kann, werfe ich einen Blick auf die Uhr.

In diesem Moment kehrt sogleich das Schmunzeln vom Aufstieg zurück und entwickelt sich zu einem voll ausgewachsenen Grinser.

11.12. 13:14
Ich denke an einen bestimmten Freund, dem diese Zahlenfolge sicherlich große Freude bereitet!

Dies löst aus, dass mir gleich ganz viele weitere wunderbare Menschen einfallen, die mich in meinem Leben umgeben und fühle mich in diesem Moment sehr geliebt, selbst wenn ich gerade ganz alleine auf einem eisigen Berg sitze.

Türchen 10 (von Jörg)

Du bist

Du bist die Sonne
Die alles andere erhellt
Bevor du einst versinkst

Du bist die Blumen
Die ein ganzes Tal beduften
Bevor du einst verwelkst

Du bist das Wasser
Das quirlt und belebt
Bevor du einst versickerst

Du bist der Sternenhimmel
Der nachts die Richtung weist
Bevor du einst verdunkelst

Du bist der Zauberwald
In dem Tiere und Elfen singen
Bevor du einst verklingst

Du bist die Luft
Die allen Atem füllt und erhält
Bevor du einst verdünnst

Du bist der Mond
Der alle Formen zeigen kann
Bevor du einst verschwindest

Du bist das Weizenfeld
Das ganze Sippen ernährt
Bevor du einst verdorrst

Du bist die Erde
Aus der man feste Häuser brennt
Bevor du einst verwehst

Du bist das Universum
Das in sich alles birgt
Bevor du einst vergehst

Du bist der Bergesgipfel
Den jeder Wanderer erstrebt
Bevor du einst vernebelst

Du bist das Feuer
Das die Herzen erwärmt
Bevor du einst verlischst

Du bist der Weltengrund
Aus dem alles Schöne quillt
Bevor du einst versiegst

Du bist der Tau
Der warm auf unsere Lippen fällt
Bevor du einst vereist

Du bist die Liebe
Die aus sich Liebe gebiert
Bevor du einst verloren gehst

Du bist
Was du bist
Jetzt