Türchen 20 (von Bernhard)

Das Jahr Null

Die Vorweihnachtszeit ist die Zeit, in der wir uns eine Kerze anzünden und an die Menschen denken, denen es schlechter geht als uns selbst. Denen die Vorsehung ein Schnippchen geschlagen hat, die vom Schicksal getroffen wurden oder vom Glück verfehlt. Es ist die Zeit, in der wir versuchen, mit diesen Menschen mitzufühlen. Wir zünden uns noch eine Kerze an, diese duftet besinnlich und lässt uns das innere Ich ergründen. Was können wir für diese Menschen tun? Schließlich wollen wir eine reine Seele in uns tragen und dafür bewundert werden. Wir zünden uns auch noch ein Räuchermännchen an, denn der Räucherkerzengeruch betört uns. Und lässt uns zu dem machen, was wir eigentlich sein wollen: Liebende Menschen. So wie Jesus, der uns dazu angehalten hat, die Botschaft der Liebe in alle Welt zu tragen, notfalls mit Nachdruck. Wir machen uns einen Amaretto auf, schütten ihn ins Glas und bestäuben die Oberfläche mit Zimt. Der picksüße Amaretto benetzt unsere Zunge und verklebt alle Geschmacksrezeptoren, außer jene natürlich, die nur für das Süße empfänglich sind. Und deswegen wollen wir zum zweiten oder schon dritten Glas Amaretto noch ein paar Vanillekipferl dazu. Und Pralinen mit Nougat und Marzipanfüllungen. Im einsetzenden Alkoholrausch und der drohenden Überzuckerung mischt sich allmählich Unbehagen in die nun vom Fichtenzweig-Aroma beherrschte Duftwolke, die den vom Kerzenflackern beseelten Raum eingenommen hat. Wir haben noch immer nichts dafür getan, bessere Menschen zu werden. Die, mit denen wir mitfühlen wollen, sitzen noch immer in der Kälte und in der Dunkelheit. Oder zumindest in der Kälte, denn an Beleuchtung fehlt es zur Zeit da draußen nicht. Warum liegen wir überhaupt hier, auf der Couch in dieser Wohlfühlecke, von der Schokoladeträgheit und dem rauschbedingten Nihilismus erschlagen? Statt zur inneren Mitte zu finden, wölbt sich die innere Mitte in Form von Unterbauchfett nach außen und hängt über die Lende wie ein Schurz.

Im letzten Aufbegehrungsversuch gegen die Fettleber kommen wir wieder zur Besinnung und zur Erkenntnis: Weihnachten ist schuld! Am unersättlichen Heißhunger auf süße Backwaren, an den geschmacksverirrten, blinkenden Lichterketten, am Tannengenozid, am Amaretto (und dass man sowas wirklich sauft), an der Weihnachtsdepression, an Weihnachts-CDs mit Panflöten-Arrangements, am häuslichen Streit bis hin zur Gewalt und der somnolenten Lethargie, wegen derer wir jetzt noch immer nichts für die Gebrannten dieser Erde getan haben. Lasst uns ein neues Leben beginnen und dieses Fest vergessen. Es ist das Jahr Null, die gesamte Zeitrechnung wird ab nun nicht länger an der Entbindung eines Neugeborenen ausgerichtet, sondern an der Abschaffung Ebendieser. Wir feiern dann den Jahrestag dieses wichtigen Schrittes, schmücken die Häuser und die Straßen und beleben den Handel. Dann zünden wir uns eine Kerze an und versuchen erneut, unsere Seele zu optimieren. Ob das nun die Situation bemitleidenswerter Menschen verbessert, vermag dieser esoterische Text nicht zu beantworten. Lediglich, wo sich die Zimtsterndose befindet: In Greifweite.

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