Türchen 24 (von Marcel)

Der Neuanfang

Ich starre auf meinen Laptop. Der Punkt, an dem der Cursor in meinem Writer steht, blinkt unaufhörlich, fast schon anklagend. Mir fällt nichts ein. Was soll ich schreiben und worüber?! Während mir ein paar Ideen kommen und ich darüber nachgrüble, fällt mir auf, dass es für mich viel leichter ist, über meinen Schmerz oder meine Trauer zu schreiben, als über die Absenz davon. Ich frage mich, warum dem so ist und ob das der Grund ist, warum so viele Künstler:innen leiden? Ist die Schaffenskraft im Leid und Schmerz größer als im Glück; vielleicht ehrlicher, schonungsloser und selbstoffenbarender?

Ich überlege, etwas Lustiges zu schreiben oder zu machen, um euch und mich zu erheitern. Es fallen mir ein paar Sachen ein, aber dann zieht mich etwas zu meinem Anfangsgedanken zurück, er war zwar nur beiläufig, aber eigentlich möchte er mir etwas wichtiges mitteilen.

Es scheint mir gut zu gehen.

Es ist nicht so, dass es mich völlig überrascht, aber in diesem Moment wird es mir doch klar. Dieses Gefühl hatte ich eine ganze Weile nicht mehr.

Ich hatte natürlich viele wunderschöne Glücksmomente und tolle Erlebnisse, aber an eine stete ehrliche innere Ruhe fernab irgendeiner Getriebenheit oder vielleicht auch eines Schmerzes, daran kann ich mich, zumindest in dieser Form, nicht mehr wirklich erinnern.

Türchen 1 2021 ist erst ein Jahr her, aber emotional ist es ein ganzes Leben. Ich erinnere mich an die Trauer, den Schmerz und die Verzweiflung. Diese Gefühle sind immer noch ganz nah, aber gleichzeitig doch sehr fern. Sie sind jetzt ein Teil von mir und werden als Narben mein Leben lang sichtbar bleiben und mich daran erinnern. Und manchmal erfasst mich noch eine Melancholie oder ein kleiner Stich – wie z.B. heute am 24.12., wo ich vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben alleine zu Hause bin – aber diese Gefühle haben nicht mehr die Macht, mich zu erschüttern.

Ich bin erwachsen geworden. Ich hatte wahrscheinlich eh Glück im Leben, der Wahrheit erst so spät begegnen zu müssen. Vergänglichkeit, dieses furchterregende Monster und gleichzeitig Schöpferin aller Schönheit.

2022 war für mich das Jahr der Konsolidierung, ein Ankommen bei mir. Ich habe mich viel um mich selbst gekümmert, was dringend notwendig war, weil ich mich in den letzten Jahren so sträflich vernachlässigt habe. Nach meiner Trennung habe ich relativ schnell andere gedatet, wahrscheinlich um mein Selbstwertgefühl zu streicheln, aber ich habe dann herausgefunden, dass ich mich erst einmal selbst daten muss. Also habe ich Marcel nach rechts geswiped und mich neu kennen, aber vor allem lieben gelernt.

Ich habe den alten baufälligen Hof, der einst sehr schön war, abgetragen. Ich habe den zu lange unbehandelten Boden umgegraben und mit Liebe bestellt. Es wachsen erste Pflänzchen heraus. Sie sind bezaubernd. Und ich habe angefangen, ein neues Haus darauf zu bauen. Ich weiß jetzt viel besser, wie es aussehen soll und es wird viel stabiler sein als zuvor. Der Grundstein ist gelegt, erste Ziegel stehen schon, aber es wird länger dauern, bis es ganz fertig ist. Ich kenne noch nicht alle Details, aber ich sehe die Vision vor meine Augen und sie gefällt mir. Ihr seid herzlich eingeladen, mir dabei zu helfen und mich zu besuchen.

Noch ist die Zitrone nicht ausgepresst.
Der Funke springt freudig umher.
Der Kontakt ist noch aufrecht.

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Das war der Blogsinn Adventskalender 2022. Ich bedanke mich von ganzem Herzen bei allen Türchen für ihre Beiträge. Ich finde, es ist einfach was ganz besonderes, was wir hier gemeinsam machen. Und natürlich auch Danke an alle Leser:innen, ich hoffe, ihr seid genauso berührt gewesen, wie ich es auch dieses Jahr immer wieder war.

Frohe Feiertage und ein wunderschönes neues Jahr. Ich liebe euch.

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