Türchen 6 (von Frieda Notter)

Der Fehler liegt bei der heiligen Familie- eine Hypothese

Bestimmt erinnert Ihr Euch noch an das 24. Türchen vom letzten Jahr (hier könnte Ihr es nochmals nachlesen), in dem Marcel sich seinen angesammelten Frust über Zeitnot, Unfreiheit und Familienchaos, vor allem zur Weihnachtszeit, von der Seele geschrieben hat. Was das Problem hinter dem Problem (oder des Problemkonglomerats) ist, dazu hat Marcel nicht nur eine Idee: Irgendwas hat es mit dem System zu tun („Das System ist ganz eindeutig nicht für die gesellschaftlich veränderten Bedürfnisse und Ansprüche ausgelegt, hier gibt es keinen Zweifel. Es schnürt uns ein und lässt uns keine Luft zum Atmen. Wir brauchen einfach mehr Freiheit!“) aber dann auch wieder mit unserem Ego, unserem Perfektionismus und unserer Unzufriedenheit. Ich denke auch, dass da „das System“ nicht passt, aber ich hätte noch eine konkretere, spezifischere Hypothese: das Problem an Weihnachten ist, dass es als „Fest der Familie“ gefeiert wird und dass diese „Familienideologie“, konsequent zu Ende gespielt, nur im absoluten Familien-Burnout enden kann – zumindest bei denen, die Familie nicht mehr so leben (können oder wollen), wie vielleicht vor 150 Jahren (und da auch nur beim Bürgertum, das über Hauspersonal verfügte, und Kindermädchen).

Was meine ich mit Familienideologie? Zunächst das Offensichtliche: dass zu Weihnachten Familienmitglieder zusammenkommen (müssen), die sich das sonstige Jahr (oft aus Gründen) nie so lange am Stück und so intensiv sehen würden, dass das in überfüllten Zügen und verstopften Autobahnen resultiert, in langen Schlangen an den Fleischtheken und in den Spielwarengeschäften. Dass nach 1-2 Tagen Zwangsfrieden der Stress doch durchbricht und lange unter den Teppich gekehrte Konflikte. Dass die, die keine biologische Familie haben, oder ein problematisches Verhältnis zu der ihren, sich dieser Tatsache an Weihnachten besonders schmerzlich bewusst werden. Dass die Werbung überquillt vom Zuckerguss der Familienidylle und der großen Kinderaugen- Seligkeit. Dass ständig immer und überall vom Fest der Familie die Rede ist.
Es gibt aber auch diese weniger offensichtlichen Punkte. Habt Ihr Euch schon mal gefragt, warum ich das ganze Jahr über die Möglichkeit habe, mein Kind in Horten, Ganztagsschulen und sonstigen Betreuungsprogrammen betreuen zu lassen, selbst in allen Schulferien, außer in den Weihnachtsferien? Warum es für alle Ferien Kinderbespaßungsprogramme in Museen und Sportvereinen gibt, nur für die Weihnachtsferien nicht? Warum Ihr nie Bilder, Filme, Werbespots seht, in denen Freund*innen gemeinsam einen Baum schmücken oder meinetwegen auch Patchworkfamilien? Warum viele Unternehmen über Weihnachten ganz zusperren. Warum niemand Sommerurlaub oder Wochenendtrips mit den Großeltern bewirbt, aber dauernd Weihnachtstage im Schnee?

Die Konsequenz: Familien, wie sie heute oft existieren, isolierte Kleinfamilien, bleibt oft nichts anderes übrig, als sich 2 Wochen lang zu dritt, zu viert oder meinetwegen zu sechst einzuigeln und irgendwann in einer Mischung aus Langweile und Überforderung fast wahnsinnig zu werden (von Marcel sehr eindrücklich beschrieben und auch von mir schon erlebt). Denn so herzlos sind wir doch nicht, dass wir ausgerechnet zum „Fest der Liebe“ und „Fest der Familie“ (das nicht 2 Tage, sondern mindestens 2 Wochen dauert) unsere Kinder „fremdbetreuen“ zu lassen, so einfach ist es nicht, Spielkameraden für das eigene Kind aufzutreiben und so egoistisch sind wir doch nicht, dass wir dieses Jahr die Weihnachtstage nicht auf Straße und Schiene verbringen wollen. Und dann sollen wir uns alle ganz dolle lieben und merken – so einfach ist das nicht.

Marcel schreibt: „Wir brauchen einfach mehr Freiheit“. Ich habe da einen konkreten Vorschlag (auch wenn ich mir jetzt schon denken kann, dass es hier wieder Kritik geben wird am Appellcharakter meiner Überlegungen 😉): wir müssen uns freimachen (soweit wir das individuell können) von der Weihnachtsfamilienideologie. Warum sollte am zweiten Weihnachtsfeiertag nicht der Schulfreund zum Übernachten kommen und nicht immer nur die Cousine. Warum laden wir am 24. nicht mal enge Freunde ein, warum engagieren wir nicht einen Babysitter für den 27. um mit Partner*innen und Freund*innen wandern oder feiern zu gehen? Warum feiern wir nicht im Frühling ein großes Familienfest mit Eltern und Schwiegereltern? Das muss man sich erst mal trauen. Da wird es Gegenwind geben – und es wird nicht ohne schlechtes Gewissen gehen. Aber vielleicht helfen ja auch schon kleinere Änderungen in diese Richtung. Bei uns hat es sich irgendwie eingebürgert, dass am 25. die Nachbarn zum Abendessen kommen. Es gibt was Vegetarisches (weil wir alle genug Fleisch hatten am Tag davor), die Tischdecke ist ein wenig schmutzig, die Kerzen schon etwas herunter gebrannt, wenn das Essen misslingt macht es nichts, weil jeder hat noch irgendwelche Reste und wenn alle um 9 Uhr müde sind, gehen alle um 9 Uhr ohne schlechtes Gewissen ins Bett. Niemand erwartet sich tiefe Gespräche oder gar Liebe, aber manchmal passiert das dann trotzdem – oder gerade deshalb. Wer weiß, vielleicht haben wir dieses Jahr ein bis zwei Gäste mehr. Ich freu mich schon!

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s