Türchen 24? (von Marcel)

Postponed
Eine Abrechnung mit einfach allem, was mich gerade ärgert!

So, hier sitze ich und schreibe diesen Text für den 24.12. und obwohl oben im Titel Türchen 24 steht, steckt nicht Türchen 24 drin. Eigentlich war an dieser Stelle etwas ganz anderes als dieser Text geplant, aber es ist sich einfach nicht ausgegangen. Die letzten Wochen und vor allem Tage haben mir wieder mal vor Augen geführt, dass ich mein Leben nicht in der eigenen Hand habe und die Zeit für mich ein knappes bis nicht existentes Gut geworden ist. Ich werde fremdgesteuert und habe innerhalb meiner Pflichten nur einen bedingten Einfluss darauf. Arbeit und Familie lassen einen Marcel, der nicht Angestellter oder Papa oder Ehemann ist, kaum zu.
Meine eigentliche Idee für Türchen 24, welche hoffentlich noch in diesem Jahr folgen wird (so der Plan!), bedarf völliger Ruhe und Ungestörtheit. So etwas gibt es in unserer Wohnung bzw. Familie (insbesondere zu dieser Zeit) nicht, im Moment leben inklusive mir stationär fünf Personen bei uns zu Hause, mit ambulanten Gästen aus Deutschland sind es sieben Personen. Nicht, dass ich mich nicht freue, dass die (erweiterte) Familie zusammen ist, das tue ich wirklich, sogar sehr, aber es nimmt von mir auch jegliche physische wie psychische Zeit in Anspruch. Dazu kommt in dieser Jahreszeit noch das schlechte Wetter und die Ferien der Kinder hinzu, was dazu führt, dass man sich sehr häufig gemeinsam zu Hause aufhalten muss. Und da darf man sich dann mit gepflegter infantiler Konversation begnügen. Zieh dich an! Putz die Zähne! Wasch die Hände! Räum bisschen auf! Iss nicht nur Süßes! Es geht nicht nur *Medienkonsum [*füge beim Kind beliebteste Elektronik ein]! Ärger dein Geschwisterchen nicht! Schrei nicht! Etc. usw. uvm.! Möchte man als Elternteil A, so wird B gemacht, das ist kindliches Gesetz. Vielleicht hört sich das im ersten Moment auch nicht schlimmer an, als über Trump zu politisieren, aber trotzdem habe ich genug davon. Starten die Kinder mit ihrer Wutphase, antworte ich mit meiner Trotzphase. Manche Tierkinder sind schon mit der Geburt an selbstständig lebensfähig. Und wir Menschen? Nicht mal nach 20 Jahren! Vielleicht sollte man Kinder, welche sich mit Süßigkeiten auf 150kg hochfressen und sich halb zu Tode zocken, nach Charles Darwin einfach machen lassen, natürliche Auslese nennt man das. Außerdem zeigt das auch deutlich, dass wir Menschen einfach nicht für diesen Überfluss gemacht sind, wenn wir nur über solche Anstrengungen überlebensfähig sind. Oder wir westlichen Helikoptereltern haben unseren Kindern jegliche Überlebensfähigkeit ausgetrieben. Ich meine, wie lange würde ein Kind ohne uns überleben? Chapeau, wenn sie einen Tag schaffen würden.
Und neben diesem Kriegsschauplatz, als würde dieser nicht langen (von der Länge her historisch nur vergleichbar mit dem 30-jährigen Krieg), häufen sich auf der Arbeit zu allem Überfluss gegen Ende des Jahres immer die ganzen Kleinigkeiten und Großigkeiten, welche zu erledigen sind, so als würde es im nächsten Jahr nicht ganz normal weitergehen. Aber nein, 2018 endet! Achso, verstanden, eh nein?!

Fast fühlt es sich so an, als wäre ich ein Gefangener meines Lebens und des Systems. An jedem verdammten Tag müssen wir funktionieren, auch wenn wir dieser Verantwortung manchmal vielleicht nicht mehr gewachsen sind. Das ist unglaublich Kräfte zehrend und es gibt Momente, wo man das Gefühl hat, dass man nicht mehr kann, aber wir und andere erwarten von uns, dass alles gewohnt weiter geht, wir immer zu jeder Zeit stark sein müssen, auch wenn wir eigentlich nur noch Stopp rufen wollen! Burn-out liegt ja nicht ohne Grund voll im Trend. Laut Wikipedia führt ein Auseinanderklaffen von externen Anforderungen bzw. Belastungen einerseits und individuellen Fähigkeiten zur Bewältigung der Beanspruchungen andererseits zum Burn-out.

Und ich frage mich auch, wie das denn bitte gehen soll? Zwei berufstätige Eltern und zwei berufstätige Kinder, die Arbeit fordert viel Zeit sowie Konzentration ein und die Kinder müssen doch genauso funktionieren; früh aufstehen, schnell fertig machen und ab geht’s. Und dann in der Institution nicht nur anwesend sein, sondern bestehen! Das ist mental unglaublich erschöpfend, für alle Beteiligten. Und vor allem, wo bleibt da Zeit für meinen Partner und für mich? Machen wir uns nichts vor, Kinder sind der größte Belastungstest für eine Partnerschaft und viele scheitern daran. Wenn ich zusammenzähle, wie viele Streits und Diskussionen mit Arnisa eigentlich direkt oder indirekt mit den Kindern zu tun haben und dazu noch die Diskussionen zähle, welche aufgrund des belastenden Systems, das meine Geduld jeden Tag ausreizt und dem ich meine Unausgeglichenheit verdanke, dann sind wir wahrscheinlich bei 90% aller Diskussionen.
Ich habe es mir in letzter Zeit zur Aufgabe gemacht, mit anderen Eltern und Leuten genau darüber zu reden und es ist verblüffend. Überall ernte ich zustimmendes Nicken, auf einmal öffnen sich auch meine Gegenüber und erzählen von ihren Problemen in der Partnerschaft und in der Familie. Und für ein paar Minuten ist geteiltes Leid, halbes Leid. Eltern, die echten „Everday Superheros“! Ich will mal die Avengers sehen, wenn das Kind kein Bock hat, schlafen zu gehen.

Aber wer ist Schuld an diesem ganzen Schlamassel und wie lässt sich das ändern? Das System ist ganz eindeutig nicht für die gesellschaftlich veränderten Bedürfnisse und Ansprüche ausgelegt, hier gibt es keinen Zweifel. Es schnürt uns ein und lässt uns keine Luft zum Atmen. Wir brauchen einfach mehr Freiheit! Und die Familie betreffend, auch hier sind es unsere veränderten Ansprüche (gerechtfertigt und übertrieben), was Kindererziehung betrifft, wie eine Partnerschaft auszusehen hat und das überhaupt alles zu jederzeit hinterfragt werden muss, mit denen wir uns zusätzlich selber belasten. Was bringt es, wenn wir allen unseren hohen Erwartungen bezüglich Familie und Arbeit gerecht werden, dabei aber zugrunde gehen. Eine Lösung: Erwartungen herunterschrauben, sind sowieso völlig überbewertet.

Und was ist mit dem Spannungsfeld Familie und dem Ego? Auch hier brauchen wir Freiheit, ja klar, aber wo fängt Freiheit und Unabhängigkeit an und wann geht es schon in Einsamkeit über? Denn zu wenig Nähe, insbesondere in dieser Jahreszeit, ist eine harte psychische Belastung und lässt uns langsam innerlich verwelken. Wir Menschen brauchen für unseren Körper und Geist einfach eine genau abgestimmte Mischung aus Nähe zu anderen Menschen und Freiheit. Die richtige Balance zwischen einerseits einem fremdgesteuerten Leben, da wir uns sonst immer selbst Gedanken machen müssen, niemals mitfließen und die Verantwortung übergeben können und andererseits der Freiheit, für sich selbst da sein und egoistische Entscheidungen treffen zu können. Diese Balance ist von Person zu Person unterschiedlich und leider auch nicht immer kompatibel, das kann in Partnerschaften oder auch in Eltern-Kind-Beziehungen zu großen Problemen führen.

Neben diesen nur bedingt hausgemachten Problemen, kommen wir uns noch mit unserem eigenen Menschsein in die Quere und sabotieren uns selbst. Und da muss man sich schon mal fragen: Sag mal, liebes Ich, geht’s noch?
Denn wieso schaffen wir Menschen es nicht oder viel zu selten, dauerhaft Harmonie herzustellen? Was hindert uns daran? Warum schaffen wir es nicht einfach das Positive bei den Anderen (und Allem) zu sehen, statt das Negative verbessern zu wollen. Warum ärgern wir uns übereinander und streiten miteinander, obwohl wir das ALLE eigentlich nicht wollen, sondern im Gegenteil, dem Gegenüber eigentlich nur das Beste wünschen. Es ist einfach paradox. Obwohl wir wissen, was passiert und obwohl wir es oft auch zu verhindern versuchen, fallen wir fast immer in die gleichen Muster. Gerade zu den Weihnachtstagen streiten wir bei den Familienvereinigungen wieder wie die Hähne. Eltern mit Kindern und umgekehrt, Geschwister untereinander, Partner miteinander. Wir stecken einfach fest in unserer Haut.
Wie erzeugen unsere ganz persönliche self fullfilling prophecy. Ständig zweifeln wir und hinterfragen alles. Mir kommt es vor, je mehr wir darüber nachzudenken und zu diskutieren versuchen, desto mehr reparieren wir es zu Tode. Wir haben vielleicht gar nicht die Fähigkeit uns nachhaltig zu ändern und die ständige Betonung der negativen Aspekte erzeugt nur eine ständige Beschäftigung mit eben diesen negativen Aspekten und machen sie somit omnipräsent, ohne das es eine positive Auswirkung auf das Gesamte hat.

Eine interessante Erkenntnis unterstützt diese These. Sobald wir wissen, dass ein Mensch ein wissenschaftlich anerkanntes Defizit hat (ADHS, Demenz, Trauma, geistige Behinderung etc.), gehen wir mit dieser Person anders, positiver, nachsichtiger um. Dann können wir einige Verhaltensweisen des Gegenübers auf dieses Defizit zurückführen und damit akzeptieren. Aber die Welt ist nicht schwarz und weiß, wir alle haben unsere Defizite, auch wenn sie nicht als Krankheit diagnostiziert sind. Wir müssen akzeptieren, dass nicht alle Menschen alles gleich gut können und uns dessen bewusst werden. Das ist keine Entmündigung, denn gleiches gilt ja auch für uns selber. 7,5 Milliarden Menschen auf dieser Erde bedeuten 7,5 Milliarden verschiedene Ansichten über die Welt. Wir müssen immer nachsichtig miteinander umgehen, in dem Bewusstsein, dass alle Menschen nach ihrem persönlichen kategorischen Imperativ leben.

Ich manchen Gesprächen mit FreundInnen, welche in kulturell anderen Gesellschaften aufgewachsen sind, wurde mir gesagt, hier in Österreich oder Deutschland hinterfragt mal zu viel, man sollte einfach auf sein Herz hören und machen. Ja, habe laut gerufen. Aber wären wir dann wirklich glücklicher. Sind z.B. Ehen glücklicher, die nichts hinterfragen oder machen sie sich einfach etwas vor. Eigentlich müssten aus unserer modernen Perspektive heraus alle zwangsverheirateten Paare bzw. Paare, die nicht vollständig freie Hand bei der Auswahl des Partners hatten (davon gibt es noch Millionen!), unglücklich sein. Wie sieht das in der Realität aus? Ich weiß es natürlich nicht genau, aber ich habe das Gefühl, auch aus den wenigen Erfahrungen, die ich (indirekt) gemacht habe, dass es keinen wirklichen Unterschied gibt. Vielleicht enden diese Partnerschaften öfters in der totalen Katastrophe, wenn die Partner gar nicht zusammen passen, aber vielleicht sind sie im Durchschnitt sogar glücklicher, weil sie gar keine andere Wahl haben, als sich ihrem Schicksal zu ergeben und die Situation sowie den Partner zu akzeptieren. Nach dem Motto, wir sitzen beide im gleichen Boot, machen wir also unseren Frieden damit. Würde diese These stimmen, was würde das bedeuten? Macht erst die Freiheit uns unglücklich, weil sie uns ständig andere Möglichkeiten aufzeigt? Es läuft immer auf die Frage hinaus, ob Menschen, die nur eine beschränkte Freiheit haben, aber aus ihrer Sicht glücklich sind, auch wirklich glücklich sind? Wir nehmen es uns dann oft in unserer Überheblichkeit heraus, zu entscheiden, wer glücklich in welchem Rahmen sein darf. Wie kannst du dir das gefallen lassen?! Wie kannst du so glücklich sein? Du bist doch gar nicht wirklich glücklich, du denkst das nur!

Oder vielleicht sind wir Menschen einfach generell unzufrieden, mit dem was wir haben und wir streben immer nach dem, was wir nicht haben. Es liegt tief unseren Genen als Quellcode, um als Spezies überleben und wachsen zu können?

Diese Fragen stelle ich mir schon mein halbes Leben und ich finde (noch) keine Antwort darauf. Ich weiß nur eins, ich stecke mittendrin. Und obwohl Älter werden eigentlich ziemlich Kacke ist, eine gute Sache hat es vielleicht dann ja doch und auf die ich zähle ich: die Altersweisheit.

Türchen 24…..to be continued.

Frohe Weihnachten 🙂

3 thoughts on “Türchen 24? (von Marcel)

  1. Die Erfahrungen und Eindrücke spiegeln ein gutes Stück meine Erwartungen (heikles Wort in dem Zusammenhang) wider. Stelle mir ebenso die – aktuell theoretische – Frage, wie das alles funktioniert und man auch weiterhin selbst ein zufriedenes & glückliches Leben führen kann.

    Erwartungen hinunter zu schrauben bzw. Fokus auf die wirklich wichtigen Entscheidungen, bewusster im Hier und Jetzt zu leben und gutes Zeitmanagement (Informationsüberfluss, Kommunikationsdienste, Recherchen bis hinunter zur kleinsten Schraube, etc.) können wohl ein Teil der eigenen Antwort auf solch komplexe Fragen sein.

    P.S.: Bin erst im Zuge des Burning snowman auf den lesenswerten Artikel gestoßen 😉

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