Türchen 15 (von Sebastian)

Der abenteuerlustige Mates Allwag
Eine kugelrunde Olive und die damit verbundene Erinnerung

Nach dem langen Flug hatte Mates es vorgezogen zuerst in sein Hotel zu fahren, seinen Koffer auszupacken und dann frisch geduscht und in ein frisches Hemd gekleidet den Tag in seiner geliebten Stadt zu beginnen.

Obwohl die hoteleigene Terrasse mitunter den schönsten Platz bot einen Kaffee und ein Frühstück einzunehmen, beschloss Mates in die Stadt zu fahren um sich in einem kleinen Kaffeehaus, welches er bei seinem letzten Besuch liebgewonnen hatte, zu stärken. Es war ein herrlich sonniger Tag und er war dankbar, seinen Strohhut mitgebracht zu haben.

Aus einem kleinen Radio über der Kaffeemaschine war Musik zu vernehmen, die er hier sehr passend fand, jedoch in seinen eigenen vier Wänden wohl nie gehört hätte.

Das Interieur verriet, dass das Kaffeehaus ursprünglich mit viel Geschmack und Liebe zum Detail eingerichtet worden war, in den vielen Jahren seit seiner Eröffnung jedoch kaum etwas erneuert oder ausgetauscht wurde. Hier fühlte man sich wohl.

Der in Eile aufbrechende Gast am Nachbartisch liess eine Ausgabe von Le Monde zurück. So beschloß Mates einen weiteren Tee anzuhängen und in Ruhe das Weltgeschehen zu studieren. Gestärkt und gut gelaunt machte er sich, ohne eine bestimmte Route zu verfolgen, in Richtung des kleinen Antiquitätengeschäfts unweit des Nationalmuseums auf.

Er mochte das geschäftige Treiben auf der Straße, die Zuckerwatteverkäufer als rosa Punkt auf der Bildfläche und die allseits entspannte Stimmung ob des Wochenendes.

Mates überquerte die Brücke und äußerte hier innerlich stets den Wunsch, dass seine, in dieser Stadt verspeisten Fische, aus einem ruhigeren Gewässer stammten und nicht von einem der zahlreichen Angler hier direkt aus dem Hafen emporgehoben wurden.

Er stand gerade mit Blick auf den Hafen da, die Hände auf dem Rücken gefaltet und in Gedanken versunken, als ein großer Lastwagen mit unangebracht hoher Geschwindigkeit über die Brücke raste.

Durch den Sog des eiligen Warentransportes wurde Mates der Strohhut vom Kopf gehoben und nach anfänglich turbulentem Flug segelte er nun seelenruhig in Richtung Wasser. Mates war es nicht gelungen den Hut zu ergreifen und so sah er seinen treuen Begleiter durch sonniges Wetter der letzten Jahrzehnte vermeintlich aus seinem Leben verschwinden.

Im Hafenbecken hatte jedoch ein junger Offizier der Wasserpolizei die Szene beobachtet und dirigierte sein kleines Motorboot in Richtung des soeben im Wasser gelandetem Hut. Er fischte ihn mit einer triumphierenden Handbewegung aus den Wellen und deutete anschließend Mates, dass er den Hut vor dem Ertrinken gerettet hatte.

Im ersten Augenblick war Mates unsicher ob er nun zusehen musste, wie der Hut zwar gerettet worden war, aber ab sofort einen neuen Besitzer hatte. Der junge Offizier jedoch deutete in Richtung des Endes der Brücke und gab Mates zu verstehen, dass sie sich dort treffen würden.

Dort angekommen wurde Mates tatsächlich wieder mit seinem Strohhut vereint. Er bedankte sich, schloß eine kleine Verbeugung an und wollte dem Retter gerne einen Schein zustecken, was dieser jedoch vehement verneinte und stattdessen den, noch Fremden, bat, ihn doch auf eine Unterhaltung und eine Stärkung in das Lokal seiner Schwester zu begleiten.

Vor Mates lag eine Szene wie aus seinem imaginären Bilderbuch dieser Stadt. Die Terasse war aus dunklem Holz gezimmert und das Dach bestand aus Weinreben die sich, nach jahrelanger Anstrengung, über die ganze Holzkonstruktion ausgebreitet hatten und gerade die richtige Menge Tageslicht durchscheinen liessen. Unterstrichen wurde die Gemütlichkeit dieses Ortes durch den üppigen Duft des zartlila Flieders.

Die Schwester des Hutretters, ebendieser und Mates unterhielten sich prächtig und aus der Küche wurden ihnen allerhand herrliche Speisen gebracht. Am Ende eines ausgiebigen Mahles, bei dem er erstaunlich viel Neues über seine geliebte Stadt gelernt hatte, saßen sie bei einer Schale Oliven und genossen den Sonnenuntergang.

Als Mates die sich zwischen seinen Fingern befindende und besonders kugelrunde Olive betrachtete, kamen ihm zwei Gedanken. Ein flüchtiger an das Pariser Urkilo und ein ihm viel bedeutenderer an einen Besuch letzte Woche bei seiner Großmama.

Nur dreiundzwanzig Stufen trennen seine Wohnung von ihrer und so hat er das große Glück, sie ausgesprochen oft besuchen zu können. Dies tut er auch und sitzt gerne bei ihr und unterhält sich mit ihr.
Bei dem Besuch vergangene Woche sprachen sie über die Obstbäume in ihrem Garten und wieviel Freude man an der eigenen Ernte hat. Sie sprachen über Theaterbesuche und den Lieblingsschauspieler seiner Großmama aus ihrer Jugend. Wie so oft sprachen sie auch über Bücher. Mates erzählte ihr von dem Gefühl, dass, je mehr er lese, desto mehr erkenne er, wie viel er nicht kenne. Wie viele Autoren und Autorinnen er noch nie in der Hand gehabt habe, wie viele Klassiker er noch nicht gelesen habe und wohl auch bis zum Ende seines Lebens nur einen kleinen Ausschnitt der gesamten Weltliteratur gelesen haben werde.

Daraufhin zitierte seine Großmama Blaise Pascal, demzufolge das Wissen einer Kugel gleiche und je mehr sich die Kugel durch Zunahme von Wissen ausdehne, desto größer sei die Berührungsfläche mit dem Unbekannten.

Für Mates ein wunderschöner Gedanke. Mag es im ersten Augenblick abschreckend wirken, mehr und mehr Unbekanntes um sich zu wissen, sieht er darin geradezu eine Aufforderung stets Neues zu entdecken, anderen und sich selbst Fragen zu stellen und eine möglichst große Berührungsfläche mit dem Unbekannten in sich zu tragen.

So erinnert ihn diese kleine, kugelrunde Olive an seine Großmama, bestätigt ihn in seiner Abenteuerlust und er genießt den lauen Sommerabend mit seinen beiden neuen Freunden in vollen Zügen. Das Leben ist großartig!

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