Türchen 17 (von Bernhard)

Weihnachten

ist der Tag an dem die kaputtesten Familien wieder zusammenkommen um Harmonie und Einigkeit zu demonstrieren. Die kaputtesten und am weitesten auseinander gelebten Familienmitglieder setzen sich an einen Tisch oder in eine Sitzgruppe und zeigen sich stolz gegenseitig auf ihren Smartphones Fotos von ihren Rasenmährobotern oder Weinkühlschränken, welche sie sich im bald vergangenen Jahr angeschafft haben. Mangels Zeit und/oder Wertschätzung sind sie im letzten Moment noch draufgekommen, dass sie noch kein Geschenk füreinander haben und schenken einfach das weiter, was sie im Vorjahr selbst geschenkt bekommen haben, was in der Regel entweder eine Schachtel Mon Cheri oder eine Schachtel After Eight ist, jene Süßigkeiten, die niemand mag und niemand isst, jeder aber geschenkt bekommt und wieder weiter verschenkt. Diese niemals oder zumindest nur selten geöffneten Schokoladenschachteln sind meistens auch schon abgelaufen, aber dies wird niemals oder zumindest nur selten bemerkt, da gerade bei Geschenken niemals das Ablaufdatum beachtet wird. Nie oder zumindest nur selten werden die geöffneten oder ungeöffneten Schachteln aufgrund des weit überschrittenen Ablaufdatums entsorgt, seltener aber doch wird die unbemerkt abgelaufene Schokolade sogar verzehrt. Der Ablauf der Schokolade wird beim Verzehr immer noch nicht bemerkt, da diese sowohl im verdorbenen als auch im unverdorbenen Zustand ohnehin nicht genießbar ist. Die Hersteller dieser in jedem Zustand ungenießbaren Schokolade – Ferrero respektive Nestlé – sind sich dieses Warenkreislaufes des Weiterverschenkens, welcher beinahe einem Perpetuum Mobile gleicht, bewusst und produzieren nur mehr in geringen Mengen um das System im Bedarfsfall speisen zu können, sollte versehentlich einmal eine abgelaufene Schokoladenschachtel entsorgt oder gar verzehrt werden.

Die kaputtesten, am weitesten auseinander gelebtesten und sich einander kaum mehr wertschätzenden Familienmitglieder laden sich zu Weihnachten gegenseitig zum Essen ein und saufen dazu Amaretto oder Eierlikör. Sie tun dies, weil sie sich dazu genötigt fühlen, da sie sich sonst zu sehr als kaputte Familienmitglieder fühlen, deren soziale Verwahrlosung schon so weit fortgeschritten ist, dass sie nicht einmal mehr zu Weihnachten (!) ihre kaputten Familienmitglieder besuchen. Dieses Weihnachten zwingt sie jährlich, widerwillig etwas zu tun, was sie sonst nie tun würden, dieses Weihnachten ist wie ein übermächtiger Krake, welcher es jedem verunmöglicht, sich ihm zu entziehen. Selbstversuche der bewussten Weihnachtsentziehung, in welchen die kaputtesten Familienmitglieder dieses Jahr einmal nicht besucht oder eingeladen werden, enden im einsamen Betrinken vor dem Fernseher, in welchem noch dazu die verordnete Inhaltsleere ausgestrahlt wird. Der Papst spendet Urbi et Orbi, Weihnachtsgala, Licht ins Dunkel. Hat man die bewusste Weihnachtsentziehung, die alkoholisierte Einsamkeit vor dem ödesten aller Fernsehprogramme einmal erlebt, fühlt man sich im nächsten Jahr um so mehr bemüßigt, die Alkoholexzesse wieder wie gehabt im kaputten Familienkreis fortzusetzen.

Und dann zieht dieses Jahr noch so ein Virus durch das Land, das die Leute nicht nur krank, sondern auch verrückt macht. Es macht die Kranken krank, vor allem aber die Gesunden verrückt. Die Gesunden, die nicht krank werden wollen einerseits, die Gesunden die den Kranken die Krankheit absprechen wollen andererseits. Am verrücktesten macht es aber die Gesunden, die jenen Gesunden die Gesundheit absprechen wollen, welche den Kranken die Krankheit absprechen wollen. Man könnte auf die Idee kommen, ein derart beherrschender äußerer Umstand wie dieses Virus könnte diesen anderen beherrschenden Umstand, dieses Weihnachten, in die Knie zwingen. Dieser andere Umstand, dieses Weihnachten, ist jedoch ein umso beherrschenderer Umstand, welcher mit dem diesjährig durch das Land ziehenden, ebenso die Menschen beherrschenden Umstand, dem Virus, eine friedliche Koexistenz führt.

Und so werden wir dieses Jahr wieder, wie gehabt, unsere kaputten Familienmitglieder treffen, uns gegenseitig abgelaufene Mon Cheri oder After Eight weiterverschenken, Amaretto und Eierlikör saufen, über Rasenmäh- oder Staubsaugroboter und Weinkühlschränke fachsimpeln und danach krank oder noch verrückter, in jedem Fall aber noch kaputter werden. In diesem Sinne – frohe Weihnachten!

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