Türchen 6 (von Bernhard)

Warum dieses Jahr der Nikolo nicht zu dir kommt

Die hohle Drohung von der diesjährigen Nichterscheinung des Nikolos wurde erfunden, um Kinder zu möglichst angepasstem Verhalten zu nötigen. Selbige wird aber auch zunehmend unterminiert, denn an jeder Straßenecke steht mittlerweile irgendein dahergelaufener Werbenikolo und drückt selbst dem unausstehlichsten Satansbraten ein Erdnusssackerl in die Hand. Mit im Gepäck ist auch jede Menge Schoko und Zuckerzeugs, durch dessen Verzehr die Hyperaktivität des Kindes noch weiter zugespitzt wird.

Mit zunehmendem Alter verliert der wattebärtige Umhang- und Mützenträger dann an Bedeutung und die Großgewordenen landen im Berufsleben, wo die einst mit Nikoloentzug getadelten Verhaltensstörungen nicht nur kein Problem mehr darstellen, sondern sogar zum Gebot werden und dem eigenen Fortkommen dienen. Wie soll diesen Menschen dann überhaupt noch entgegnet werden, wenn schon im Kindesalter weder Nikolo, noch dessen notbehelfsmäßige Ausformung als Krampus jemals etwas geholfen hatten?

Unter Umständen kann noch auf eine andere, ebenfalls einer Religion entlehnte Drohkulisse zurückgegriffen werden, welche bei in dem einen oder anderen Egoistengehirn noch kleine Nachdenkschübe auslösen vermag – jene des schlechten Karmas. Dass der Nikolo dieses Jahr nicht zu dir kommt, ist nämlich lediglich eine metaphorische Umschreibung dessen, dass du in deinem nächsten Leben als elender Mistkäfer auf einer Giftmüllhalde in Bangladesh wiedergeboren wirst. Und das hat gute Gründe, nämlich:

Deine Ernährungsgewohnheiten sind ja an und für sich eh deine Sache, aber wenn du dir am All-you-can-eat Buffet massenweise Cevapcici aus Känguruhfleisch, Mozzarella vom japanischen Kobe-Rind, neuseeländische Süßkartoffelkroketten und dazu noch scharfes Papayachutney aufhäufst, brauchst du dich über entsprechende Verdauungsturbulenzen nicht wundern. Ein bis zwei Tage trittst du den damit kausal zusammenhängenden Canossagang zur Toilette an. Gut, dass du danach zumindest die Spülung betätigt hast, aber dass du da warst, sieht man bis zur nächsten Reinigung mehr als deutlich.

Apropos Bremsspur: An deinem Fahrverhalten im Straßenverkehr erkennt man deine narzisstische Persönlichkeitsstörung deutlich. Da du der Einsparung weniger Fahrsekunden willens keine Nachgiebigkeit gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern einräumen kannst, stehst du sogar dir selber im Weg und spätestens bei der nächsten roten Ampel sind die gewonnenen Sekunden wieder zerronnen. Du bist dort erst durch eine Vollbremsung ins Stehen gekommen, oder besser gesagt, mehrere Meter nach der Sperrlinie mitten auf dem Zebrastreifen, wo du auch noch den Rollator einer gebrechlichen Betagten rasiert hast, die schon übersetzen wollte und jetzt nicht mehr an dir vorbeikommt.

Deine innerstädtische Hundertstelsekundenjagd findet schließlich dort ein Ende, wo sich dir jede Menge Begegnungs- oder sogar Fußgängerzonen in den Weg stellen und du mit dem SUV nicht mehr weiterkommst. Aber du hast ja längst die elektrischen Leihscooter für dich entdeckt und so flitzt du im nächsten Moment schon im Slalom durch die Menschenmenge. Und schon hast du nicht nur den Rollator der nächsten gebrechlichen Betagten rasiert, sondern zusätzlich auch noch deren Chihuahawelpen überfahren. Dein Höllenritt ist jäh beendet in jenem Moment, in welchem du realisierst, dass du den Leihscooter jetzt nicht mehr brauchst und lässt ihn genau an jenem Ort stehen oder liegen, an welchem dich diese Erleuchtung ereilt hat. Wer also noch nicht über den Haufen gefahren wurde, stolpert jetzt über den mitten am Weg abgestellten Leihscooter.

Abends zuhause angekommen, willst du natürlich deine Ruhe. In der Nachbarwohnung wird ein kleiner, ungezogener Bengel hochgezogen, so wie du dereinst genau so einer warst. Zu ihm ist zurecht der Nikolo nicht gekommen, aber statt Einsicht gibt es jede Menge Geschrei, wodurch du dich wiederum gestört fühlst. Die Nachbarn, mit denen du in all den Jahren, die du hier schon wohnst, bislang keine Worte gewechselst hast, bekommen demnächst Besuch von ein paar Uniformierten, die von dir wegen Lärmbelästigung gerufen wurden und denen der pflichtgemäß vorzunehmende Hausbesuch schon selbst zu blöd sein wird.

Fühlst du dich bei mindestens einem dieser Punkte ertappt? Dann ist das zunächst nicht so schlimm. Du hast jetzt noch die Möglichkeit mit dem Konsum von Fairtrade-Avocados für dein tägliches Frühstück und einem Klimakompensationsbeitrag für deinen nächsten Billigflug ins Mallorcawochenende Ablasshandel zu betreiben und deine Seele grün zu waschen. Dann kommt zwar immer noch kein Nikolo zu dir und dein Karma bleibt ein ziemlicher Verhau, aber wichtig ist ja eigentlich nur, dass du dich im aktuellen Moment besser fühlst.

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