Türchen 4 (von Frieda Notter)

Barbara-Zweige

Ich wollte ja erst die Geschichte der Heiligen Barbara erzählen, aber 1. ist es was mit Religion und daher hier nicht so passend und 2. ist es ein wenig zu krass. Dann wollte ich Euch was von der Hoffnung erzählen, die die Barbarazweige symbolisieren. Man schneidet Zweige von Obstbäumen am Barbaratag, stellt sie in eine Vase mit warmem Wasser und wenn man eine unverheiratete junge Frau ist und sie blühen zu Weihnachten, kann man hoffen, dass man im folgenden Jahr heiraten wird. Wenn man das denn will. In allen anderen Fällen freut man sich an den Kirschblüten oder Apfelblüten als Zeichen des Frühlings, der irgendwann ja doch anbrechen wird. Und dieses Hoffnungszeichen brauchen wir doch gerade so dringend und so weiter. Es gibt aber genug Texte dieser Art und Ihr wisst sicher selbst, wie das mit den Barbarazweigen funktioniert.
Deswegen erzähle ich einfach von meinen Barbarazweigen in diesem Jahr, auch wenn es keine so hoffnungsvolle Geschichte ist. Aber sie ist doch zumindest wahr.

Als klar war, dass wir einen harten Lockdown mit geschlossenen Schulen haben würden, sind wir mit dem Kind nach Oberösterreich gefahren, ins Sommerhaus der Schwiegerfamilie, das sehr schön ist, aber nicht umsonst Sommerhaus heißt. Für den Winter sind die Nachtspeicheröfen nicht wirklich gemacht und wenn man nicht dreimal am Tag mit Holz zusätzlich heizt (und eigentlich auch dann) hat es in den Zimmern ohne Holzheizung schnell mal nur noch 15-16 Grad. Vor allem wenn es draußen immer kälter wird. Und es wurde immer kälter.

Zunächst aber waren wir noch guter Dinge und hatten sogar Pläne gemacht, abwechselnd im Haus zu sein bis Weihnachten, um dort dann auch zu feiern. In der Nähe des Hauses gibt es einen großen Grünschnitthaufen, so groß wie ein Haus. Und da ich den Blumenladen geschlossen wähnte, habe ich mir dort Tannengrün für einen improvisierten Adventskranz zusammengesucht. Und da sind mir auch verschiedene Zweige untergekommen, die ich mitgenommen habe. Für den größten Barbara-Strauß, den ich je hatte, für jede Menge Blüten an Weihnachten im Haus. Und weil es ja nicht so warm war, habe ich das schon 10 Tage vor dem Barbaratag gemacht, damit sie auch sicher bis Weihnachten blühen.

Nun wurde es aber draußen immer kälter und im Haus damit auch. So kalt, dass das Heizen zur tagesfüllenden Beschäftigung wurde und die Nerven blank lagen. Der Seeaufenthalt musste abgebrochen werden, wir sind alle wieder in Wien. Wohlbehalten und warm, aber traurig. Also ich bin traurig. Aus Weihnachten oder zumindest Advent im Haus am See wird wohl nichts, wir müssen das aufgeben. Vielleicht fahre ich noch ein paar Tage alleine hin, aber lange werde ich es auch nicht schaffen. Und mitnehmen werde ich die Zweige nicht können. Sie werden im auskühlenden Haus bleiben und deswegen nicht blühen. Diese Hoffnung muss ich aufgeben, wie so manch andere dieses Jahr. Irgendwann wird etwas anderes blühen. Und eine Vase voller Zweige ist ja auch ganz schön. Das Kind hat ein paar Vögel hineingesteckt.

Türchen 3 (von Olga)

Ein Jahr ist vergangen und es ist wieder Zeit für den Blogsinn Adventskalender.
Ich musste nicht lange überlegen, worüber ich schreiben werde. Für mich war klar, es müsste etwas sein, das mich und ich denke auch viele andere Menschen sehr beschäftigt. Es ist dieser Virus, der zum Teil die ganze Welt lahm legt und uns Verzweiflung und große Traurigkeit bringt.

Die Angst vieler Menschen, mich einbezogen, diesem Virus ausgeliefert zu sein und das keiner genau weiß, wie man am besten damit umgeht. Woher auch, so etwas hat ja noch keiner von uns erlebt. Was ist richtig, was ist falsch? Diese Fragen werden erst beantwortet werden können, wenn wir diese, für uns alle schwere Zeit hinter uns gebracht haben.

Ging es uns zu gut, sind wir schon an einem so hohen Level angelangt, dass wir wieder auf den Boden der Tatsachen gebracht werden mussten?

Wenn ich so zurück auf dieses Jahr blicke, kommt es mir vor, wie ein nicht gelebtes, vergeudetes Jahr. Fast ein Jahr ohne die Menschen, die man liebt, die man umarmen und um sich haben möchte. Vor allem in meinem Alter bedeutet das sehr viel.

Zudem habe ich auch große Sorgen, dass Solidarität und Menschlichkeit sehr darunter leiden werden.
Aber auch wenn der Virus uns dieses Jahr sehr viel abverlangt hat, werden wir hoffentlich gestärkt und mit sehr viel Zuversicht ins neue Jahr schauen. Wenn diese Krise bewirkt hat, dass man vieles jetzt mit anderen Augen sieht und nicht mehr alles selbstverständlich ist, dann hat es vielleicht, trotz der schlimmen, tragischen und traurigen Tatsachen, etwas versöhnliches.

Ich wünsche euch allen Stärke für diese noch ungewisse kommende Zeit, Gesundheit und hoffentlich ein glückliches, mit euren Lieben vereintes, neues Jahr.

Türchen 2 (von Jörg)

Am 26.10. dieses Jahres, unserem Nationalfeiertag, einem Montag in den frühen Morgenstunden, ist an Covid-19 (oder: SARS-CoV-2, wie Angeber sagen, oder Corona, wie der Volksmund sagt) mein bester Freund elendig auf der Intensivstation des Krankenhauses meiner Heimatstadt erstickt. Fünf Tage zuvor hatte er den positiven Test erhalten. Er ist 37 Jahre alt geworden.

Immerhin fünf Wochen ist es nun schon her, aber immer noch vermag der Verlust nicht voll zu Bewusstsein zu kommen. Kein Wunder, realisiert sich hier ja nichts, indem es in deine Welt hereintritt, sondern es verschwindet etwas. Es ist plötzlich weg, und das betrifft nicht so sehr die Gegenwart, denn gegenwärtig ist man sich ohnedies selten im Alltag (zumal, wenn man hunderte Kilometer auseinander wohnt), sondern die Zukunft: all das, was eben nun nicht mehr sein wird. Und auch, wenn man die Zukunft niemals schon besitzt – du fühlst dich um sie betrogen, bestohlen, beraubt. Es wird all diese Sonntage des Lebens nicht mehr geben, an denen ich, bei meinen Eltern zu Besuch, ihn wie stets abgeholt habe, ein jedes Mal seit so vielen Jahren, damit wir uns unserer Gegenwart einen Abend lang freuen können.

Vieles ist un-erlebt, was wir noch hätten erleben können, vieles bleibt ungesagt, was es noch zu sagen gegeben hätte. Ich hatte ihm noch nicht einmal erzählt, dass ich nun mit meiner (von ihm fast ebenso geliebten) Freundin verlobt bin. Dass wir in einem halben Jahr mit sehr großer Sicherheit in meine Heimatstadt, damit in seine unmittelbare Nähe, ziehen werden. Dass die Trias der Sesshaftigkeit (Haus, Kind, Hündchen) bei uns gleichsam bevorsteht. Es wollte eine Überraschung sein, wie man sie eben gerne von Angesicht zu Angesicht erzählt, eine kleine Fröhlichkeit: Weißt du übrigens, dass wir uns bald viel, viel öfter sehen werden? Aber daraus wird nun nichts werden. Die Male, die wir uns gesehen haben, sind schon vollendet. Keine weiteren kommen mehr hinzu. Er wird nie mit meinen Kindern spielen. Nie werden wir auf meiner Terrasse ein Bier trinken. Es werden auch nie wieder alberne Nachrichten hin und her fliegen über etwas, das uns gerade ein Lachen beschert hat, das wir gerne mit dem anderen teilen wollen. Es wird gar nichts mehr sein, außer ein paar Erinnerungen in mir an sein Gesicht, seine Stimme, seine Umrisse, die langsam verschwimmen. Und irgendwann werde ich nicht mehr so viel an ihn denken. Und dann bleibt nur diese riesige Lücke, die man eines Tages nicht einmal mehr bemerkt. Wie all die Lücken, durch die wir nur mehr hindurchsehen, ohne sie wahrzunehmen. Dann, wenn der Schmerz sich über viele Jahre langsam totgelaufen hat.

Wenn ich gewusst hätte, dass er sterben werde, hätte ich ihm noch vieles gesagt. Aber ich bin mir sicher, dass es nicht notwendig war, denn er hat gewusst, wie lieb ich ihn habe, wie lieb wir ihn haben. Er war ein Mensch, wie es ihn nicht zweimal auf der Welt gibt, ganz unabhängig von unserer Freundschaft. Jeder, wie man so sagt, hat ihn gekannt in unserer Heimatstadt, und sein Tod hat eine allgemeine Bestürzung und eine tiefe Anteilnahme ausgelöst. Wie gerne würde ich ihm ein paar Jahre meines Lebens schenken! Nicht, wie man das so vor sich hinsagt, sondern sehr, sehr gerne. Nicht nur für mich, damit er da ist. Sondern für ihn, weil es so traurig ist, dass jemand… dass er in diesem Alter sterben musste, nicht mehr sein darf, ausgelöscht ist. Und wenn mir dieses Zauberstück vergönnt wäre, dann würde ich danach zu ihm sagen: Ich habe dir ein paar Jahre meines Lebens geschenkt, was sagst du denn dazu? „Ja, das ist wirklich sehr nett von dir, Jörg! Aber du hast mich auch schon öfter warten lassen, also da musst du eh bissl eine Zeit gutmachen…“ Ja, ich weiß.

Mein Freund ist mir stets ein wenig vorausgegangen, er war ein starker, großer, kraftvoller Mensch. In seiner Aura war Herzlichkeit, Geborgenheit, Humor und Güte. In seiner Todesnacht habe ich mich bei ihm noch erkundigt, wie es ihm gehe und ob er bei gutem Bewusstsein sei. Kurz gegen 1 Uhr früh kam die Antwort: „Körperlich schlecht. Erstickungsanfälle, immer irgendwelche Übungen zur unzeit,!!ük j.j.“

So klingt der Tod, wenn er über uns kommt.

Türchen 1 (von Marcel)

Ein langes, schweres und schmerzvolles Jahr 2020 neigt sich langsam dem Ende zu. Die meisten Menschen auf der Erde wollen dieses Jahr wohl am liebsten so schnell wie möglich hinter sich bringen und den Neustart ausrufen, aber ich bitte noch um ein bisschen Geduld, zuerst kommt noch der Blogsinn Adventskalender 2020 und damit doch noch eine gute Nachricht zum Schluss.

Ich wünsche uns allen wunderschöne 24 Türchen und einen versöhnlichen Abschied aus diesem Jahr.

Ein Plädoyer für den Zusammenhalt!

Ich erinnere mich noch, wie die Welt in meiner Kindheit aussah.
Es war nicht alles besser.
Ich erinnere mich an Diskriminierung, Rassismus und Homophobie, an Machismus und veraltete Frauenbilder.
Ich erinnere mich an Öl- und Wirtschaftskrisen.
Ich erinnere mich an Zukunftsängste und soziale Probleme.
Nein, es war keine heile Welt, aber es fühlte sich immer so an, als könnte man sie noch heilen.
Ich erinnere mich an den Mauerfall, ein Zusammenwachsen von Ländern, Umweltaktivismus, Friedensbewegungen und einen Aufbau von Rechte sowie Freiheiten.
Irgendwie war da immer das Gefühl, dass wir, wenn auch über Umwege, in die richtige Richtung steuern. Ich sah immer den Silberstreifen am Horizont.

Heute sehe ich das anders, die Zukunft der Welt fühlt sich so ungewiss an, wie nie zuvor in meinem Leben. Erstmalig in der Nachkriegszeit verdienen die Kinder weniger als ihre Eltern, ein Job in der Familie reicht selten zu mehr als zum Überleben, der Klimawandel beginnt seine ganze Wucht zu zeigen, der Glaube an die Politik ist verloren gegangen, Länder entfremden sich wieder, erkaltete Kriege werden wieder heißer, neue Konflikte entstehen, Rechte werden entzogen und die Freiheit wieder eingeschränkt.

Ich sehe eine fortschreitende Spaltung unserer Gesellschaft und verhärtete Fronten!
Ich sehe Christen gegen Muslime!
Ich sehe eine visionslose, populistische und opportunistische PolitikerInnenkaste.
Ich sehe ausufernden neoliberalen Kapitalismus!
Ich sehe die exorbitante Macht des Kapitals wie der Großunternehmen!
Ich sehe eine steigende Kluft zwischen Arm und Reich sowie die Manifestierung des Besitzes!
Ich sehe „Bobos“ gegen „Proleten“.
Ich sehe traditionelle Medien gegen soziale Medien.
Ich sehe Terroranschläge!
Ich sehe Klimakatastrophen und Wasserknappheit!
Ich sehe steigende Arbeitslosigkeit und abgehängte Jugendliche!
Ich sehe Chancenungleichheit!
Ich sehe immer mehr psychische Erkrankungen!
Ich sehe Frustration, Verärgerung und Wut!
Ich sehe Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit!
Ich sehe… nein, ich sehe ihn nicht mehr, den Silberstreifen am Horizont!

Wissen wir eigentlich noch, dass Frieden, Freiheit und Demokratie keine Naturgesetze sind?
70 Jahre Nachkriegszeit sind ein Sandkörnchen in der Menschheitsgeschichte. Schon morgen könnte alles vorbei sein.

Und nun stellt uns Covid-19 mit allen kurz-, mittel,- und langfristigen Folgen auf eine sehr große, vielleicht sogar finale Probe. Auf dem Spiel steht „unsere“ Welt und „unsere“ Wertegemeinschaft.
Wird unsere Geschichte hier enden? Ist unsere Zeit bald nur noch eine Historienserie auf Netflix? Noch haben wir es wohl in der Hand, aber wenn wir jetzt nicht beginnen Hände zu reichen, werden wir irgendwann wieder zu den Waffen greifen. Der Point of no Return ist gefühlt sehr nahe. Wenn wir wollen, dass auch die Kinder unserer Erde in einer friedlichen Welt aufwachsen dürfen, dann müssen wir dafür kämpfen. Aber nicht gegeneinander, sondern miteinander.

Es ist keine Floskel und wird es niemals sein:
Alle Menschen sind – innerhalb ihrer Gesellschaftsstrukturen – gleich.

Wir alle wollen in Frieden und Freiheit leben.
Wir alle wollen, dass es unseren Lieben gut geht.
Wir alle wollen Sicherheit.
Wir alle wollen Gesundheit.
Wir alle wollen Respekt.
Wir alle wollen freundlich und ehrlich behandelt werden.
Wir alle wollen glücklich sein.
Wir alle wollen leben und haben Angst vor dem Tod.
Wir alle wollen geliebt werden.

Bewerten wir Menschen nicht danach, woher sie kommen, woran sie glauben, wie sie aussehen, wie gebildet sie sind, was sie wählen, was sie schauen, was sie hören, was sie lesen, was sie essen, was sie fahren, was sie tragen, sondern was sie sagen. Reden wir mit ihnen. Fragen wir sie. Nehmen wir einander ernst.

Wir dürfen streiten, wir müssen sogar streiten, aber wir sollten einander immer respektieren und akzeptieren. Wir sitzen im gleichen Boot und wenn es bricht, gehen wir alle gemeinsam unter. Solidarität ist gefordert!

Solidarität für gefährdete Menschen in der Coronakrise!
Aber auch Solidarität für die sozial Schwachen, Bedürftigen und Besitzlosen!
Solidarität mit Nachbarländern (und allen Ländern)!
Solidarität mit geflüchteten Menschen!
Solidarität mit Minderheiten und Diskriminierten!
Solidarität mit Andersdenkenden und Andersgläubigen!
Solidarität mit unserer Erde und ihren Lebewesen!
Solidarität mit allen, die unsere Solidarität brauchen!

Ich bin dankbar in dieser friedlichen und freien Zeit leben zu dürfen und betrachte es als Privileg, welches so wenige Menschen vor mir hatten bzw. auch heute noch immer nicht haben. Deshalb werde ich für unsere Werte, den Zusammenhalt, den Frieden und die Freiheit aller bis zum Schluss kämpfen. Ich möchte ihn nämlich wieder sehen, den Silberstreifen am Horizont. Und wer möchte, kann sich mir anschließen, am Ende können wir es ohnehin nur gemeinsam schaffen.

„Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen.“ (Voltaire)