Türchen 2 (von Jörg)

Am 26.10. dieses Jahres, unserem Nationalfeiertag, einem Montag in den frühen Morgenstunden, ist an Covid-19 (oder: SARS-CoV-2, wie Angeber sagen, oder Corona, wie der Volksmund sagt) mein bester Freund elendig auf der Intensivstation des Krankenhauses meiner Heimatstadt erstickt. Fünf Tage zuvor hatte er den positiven Test erhalten. Er ist 37 Jahre alt geworden.

Immerhin fünf Wochen ist es nun schon her, aber immer noch vermag der Verlust nicht voll zu Bewusstsein zu kommen. Kein Wunder, realisiert sich hier ja nichts, indem es in deine Welt hereintritt, sondern es verschwindet etwas. Es ist plötzlich weg, und das betrifft nicht so sehr die Gegenwart, denn gegenwärtig ist man sich ohnedies selten im Alltag (zumal, wenn man hunderte Kilometer auseinander wohnt), sondern die Zukunft: all das, was eben nun nicht mehr sein wird. Und auch, wenn man die Zukunft niemals schon besitzt – du fühlst dich um sie betrogen, bestohlen, beraubt. Es wird all diese Sonntage des Lebens nicht mehr geben, an denen ich, bei meinen Eltern zu Besuch, ihn wie stets abgeholt habe, ein jedes Mal seit so vielen Jahren, damit wir uns unserer Gegenwart einen Abend lang freuen können.

Vieles ist un-erlebt, was wir noch hätten erleben können, vieles bleibt ungesagt, was es noch zu sagen gegeben hätte. Ich hatte ihm noch nicht einmal erzählt, dass ich nun mit meiner (von ihm fast ebenso geliebten) Freundin verlobt bin. Dass wir in einem halben Jahr mit sehr großer Sicherheit in meine Heimatstadt, damit in seine unmittelbare Nähe, ziehen werden. Dass die Trias der Sesshaftigkeit (Haus, Kind, Hündchen) bei uns gleichsam bevorsteht. Es wollte eine Überraschung sein, wie man sie eben gerne von Angesicht zu Angesicht erzählt, eine kleine Fröhlichkeit: Weißt du übrigens, dass wir uns bald viel, viel öfter sehen werden? Aber daraus wird nun nichts werden. Die Male, die wir uns gesehen haben, sind schon vollendet. Keine weiteren kommen mehr hinzu. Er wird nie mit meinen Kindern spielen. Nie werden wir auf meiner Terrasse ein Bier trinken. Es werden auch nie wieder alberne Nachrichten hin und her fliegen über etwas, das uns gerade ein Lachen beschert hat, das wir gerne mit dem anderen teilen wollen. Es wird gar nichts mehr sein, außer ein paar Erinnerungen in mir an sein Gesicht, seine Stimme, seine Umrisse, die langsam verschwimmen. Und irgendwann werde ich nicht mehr so viel an ihn denken. Und dann bleibt nur diese riesige Lücke, die man eines Tages nicht einmal mehr bemerkt. Wie all die Lücken, durch die wir nur mehr hindurchsehen, ohne sie wahrzunehmen. Dann, wenn der Schmerz sich über viele Jahre langsam totgelaufen hat.

Wenn ich gewusst hätte, dass er sterben werde, hätte ich ihm noch vieles gesagt. Aber ich bin mir sicher, dass es nicht notwendig war, denn er hat gewusst, wie lieb ich ihn habe, wie lieb wir ihn haben. Er war ein Mensch, wie es ihn nicht zweimal auf der Welt gibt, ganz unabhängig von unserer Freundschaft. Jeder, wie man so sagt, hat ihn gekannt in unserer Heimatstadt, und sein Tod hat eine allgemeine Bestürzung und eine tiefe Anteilnahme ausgelöst. Wie gerne würde ich ihm ein paar Jahre meines Lebens schenken! Nicht, wie man das so vor sich hinsagt, sondern sehr, sehr gerne. Nicht nur für mich, damit er da ist. Sondern für ihn, weil es so traurig ist, dass jemand… dass er in diesem Alter sterben musste, nicht mehr sein darf, ausgelöscht ist. Und wenn mir dieses Zauberstück vergönnt wäre, dann würde ich danach zu ihm sagen: Ich habe dir ein paar Jahre meines Lebens geschenkt, was sagst du denn dazu? „Ja, das ist wirklich sehr nett von dir, Jörg! Aber du hast mich auch schon öfter warten lassen, also da musst du eh bissl eine Zeit gutmachen…“ Ja, ich weiß.

Mein Freund ist mir stets ein wenig vorausgegangen, er war ein starker, großer, kraftvoller Mensch. In seiner Aura war Herzlichkeit, Geborgenheit, Humor und Güte. In seiner Todesnacht habe ich mich bei ihm noch erkundigt, wie es ihm gehe und ob er bei gutem Bewusstsein sei. Kurz gegen 1 Uhr früh kam die Antwort: „Körperlich schlecht. Erstickungsanfälle, immer irgendwelche Übungen zur unzeit,!!ük j.j.“

So klingt der Tod, wenn er über uns kommt.

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