Berührt euch! (von Frieda Notter)

Berührt einander!

Ja, richtig gelesen! In Zeiten von #metoo, das ich übrigens für eine immens wichtige und fruchtbare Bewegung halte, plädiere ich dafür, andere Menschen häufiger, intensiver und liebevoller zu berühren. Dass damit nicht gemeint ist, wildfremde Menschen zu umarmen, noch bevor man überhaupt ein Wort miteinander gesprochen hat (außer die Person signalisiert eindeutig Einverständnis- zum Beispiel bei einer free hug -Aktion) ist ja sowieso selbstverständlich, und dass damit in der Regel nicht Berührungen intimer Körperregionen gemeint sind, sollte auch klar sein.

Ich meine zum Beispiel diese kurze federleichte Berührung mit den Fingerspitzen am Arm des Gegenübers, die ausdrückt: ich sehe Dich, ich nehme Dich wahr (und ja, Du hast auch einen Körper)! Oder die Umarmung unter Freund*innen, zur Begrüßung, zum Abschied oder zwischendurch, wenn man das Gefühl hat, das wäre jetzt einfach gut. Oder die gehaltene Hand wenn jemand weint, das Angebot einer Umarmung, ein Kuss auf die Stirn, ein Streicheln übers Haar.

Berührungen beruhigen, sie fördern die Oxytozin- Ausschüttung und damit die Bindung zwischen Menschen und lindern nachweislich Angst, Schmerz und sogar Depressionen. Berührungen signalisieren der anderen Person: ich mag Dich, ich hab Dich gern, ich kann Dich riechen, ich bin gerne in Deiner Nähe. Sie machen Freundschaft und Zuneigung unmittelbar fühlbar. In einer berührungsarmen Zeit, in der ein Großteil unserer Kommunikation medienvermittelt abläuft, und in einem Alter, in dem wir nicht mehr einfach so auf den Schoß unserer Mutter oder unseres Vater kriechen können und wollen, wenn uns nach einer Umarmung zumute ist, sehnen sich viele Menschen nach Berührung. Sie belegen Tanzkurse, besuchen Kuschelnachmittage, buchen Massagen oder suchen teilweise sogar nach Sex, wo es ihnen eigentlich nur um Berührung geht.

Ich denke, viele Menschen haben Angst, andere Menschen zu berühren, weil sie niemandem „zu nahe treten“ wollen, weil sie nicht wissen, ob diese Berührungen überhaupt erwünscht sind. Sie fühlen sich unsicher und sind deswegen körperlich distanzierter als sie es eigentlich gerne wären. Vielleicht helfen die folgenden Hinweise dabei, ein wenig mutiger zu werden:

  1. Klein anfangen: eine zarte Berührung am Oberarm/an der Schulter wird fast nie als unangenehm empfunden und man bekommt einen ersten Eindruck davon, ob die andere Person überhaupt berührt werden möchte.
  2. Auf Reaktionen achten: in der Regel kann man ganz gut spüren, ob eine andere Person die eigene Berührung mag, ob sie sie sich mehr davon wünscht oder ob sie sie als unangenehm empfindet. Erwidert sie eine Berührung, lehnt sie sich an, lächelt sie, fühlt sie sich „weich“ an? Oder wird sie starr, weicht sie zurück, bleibt sie passiv? Ich glaube, die meisten von uns spüren so etwas ganz gut. Ansonsten kann man sich von guten Freunden einfach auch Rückmeldung holen („ich habe Dich gestern einfach so umarmt, war das eigentlich in Ordnung für Dich?“), das habe ich auch schon gemacht (und schöne Rückmeldungen bekommen :-)).
  3. Hierarchische Beziehungen berücksichtigen: Berührungen sind nicht nur liebevoll und verbindend sondern manchmal auch eine Dominanzgeste (beobachtet das mal!). Wer hier nicht ungewollte Signale senden will, kann sich zunächst auf den Freundeskreis oder Personen derselben (oder einer höheren!) Hierarchiestufe beschränken.
  4. Begrüßungen und Verabschiedungen. Hier gibt es einen gewissen Spielraum: wie nahe kommen wir uns beim Wangenkuss, wie lange halten wir uns im Arm? Hier kann man ziemlich risikolos (naja, risikoarm) ausprobieren: wie fühlt es sich an (für mich und die andere Person) wenn wir uns etwas näher kommen und wenn wir uns etwas länger halten?
  5. Eigene Vorurteile und Denkmuster hinterfragen: Ich würde als Mann meine Freunde gerne umarmen, finde das aber „unmännlich“ und habe Angst, dass es „irgendwie schwul“ sein könnte. Sind wir da nicht eigentlich schon deutlich weiter, oder sollten es zumindest sein? Angst davor, jemand unterstellt uns ein Gspusi (schreibt man das so?- so stolz, dass ich dieses Wort jetzt kenne ;-)) mit jemandem, den wir umarmen? Sollten wir uns wirklich so viel Gedanken darüber machen, was andere denken?
  6. Für Fortgeschrittene oder Mutige: um Berührungen bitten. Man kann einen Freund bitten: nimmst Du mich mal in Arm? Oder die/den Zahnarzthelfer*in: Können Sie meine Hand halten? Oder die Freundin: Gibst Du mir die Hand, während ich über diese wacklige Brücke gehe?

Wie seht Ihr das? Berührt Ihr gerne? Wünscht Ihr Euch mehr Berührung? Oder wäre sie Euch unangenehm? Wie signalisiert Ihr, dass Ihr berührt werden wollt? Ich freue mich über eine rege Diskussion in den Kommentaren!

 

4 thoughts on “Berührt euch! (von Frieda Notter)

  1. Ich kann dir nur zustimmen. Leider haben viele Menschen immer noch eine Blockade was Berührungen angeht. Oft sind sie in einem Elternhaus aufgewachsen, wo Liebesbekundungen und körperliche Nähe nicht zum Alltag gehört haben. Die Eltern haben es in ihrem Elternhaus selber auch so erfahren, waren zu einer Veränderung oft nicht fähig. Diesen Kreislauf zu durchbrechen ist gar nicht so einfach. Unsere Gesellschaft und auch die Religionen haben einen großen Beitrag geleistet, dass wir hier immer noch unter großen Komplexen leiden.

    Ich habe einmal eine Dokumentation über vier Freunde in Afghanistan gesehen. Sie haben überlegt nach Europa zu flüchten und man hat sie im Alltag begleitet, natürlich auch zu hause. Ihr Umgang miteinander hat sich wirklich deutlich von dem unterschieden, wie wir es hier kennen. Sie haben sich gegenseitig in Löffelchenstellung umarmt und gemeinsam die Hände verschränkt, der Kopf lag hinten auf der Schulter des anderen. Bilder, welche ich hier nur von Liebespaaren kenne. Ich musste mich daran gewöhnen, aber es war eigentlich wunderschön, dass sie dazu fähig waren/sind. Man konnte spüren, wie viel Kraft sie sich gegenseitig gegeben haben. In der Türkei war ich einmal in einem kleinen Dorf, dort wurde ich von ein paar (fremden) Kindern umzingelt, sie wollten meine Hand halten, haben mich umarmt und die ganze Zeit angefasst. Das war mir etwas unangenehm, weil ich es so nicht kannte, obwohl ich selber in dieser Hinsicht doch eher offen bin. Leider sind wir davon noch weit entfernt.

    Dabei ist körperliche Nähe unglaublich wichtig. Wir sind auf dieser Welt so alleine, selbst unter hunderttausend können wir uns unendlich einsam fühlen. Wir können unsere Umwelt ja nur über unsere Sinne wahrnehmen. Bei dem Film Avatar fand ich diese Idee, dass man sich mit dem Partner oder der Erde verbinden und damit wirklich fühlen und spüren konnte, unglaublich beeindruckend. Das wäre wunderbar.

    Fühlen ist der sensibelste und sensitivste Sinn. Mehr Berührungen und körperliche Nähe könnten uns so viel geben, wir müssen es nur zulassen.

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  2. Ohne Kuscheln ist alles doof 😉 Berührungen lassen meine Seele spüren, dass sie nicht alleine ist! Oxytocinentzug macht ganz schön depri und antriebslos, aber wenn man das weiß kann man zum Glück etwas dagegen tun! Wenn es Kuscheln auf Krankenschein gäbe, bräuchten wohl viel weniger Menschen Psychopharmaka!
    One Hug a day keeps the doctor away ^^

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  3. Ich habe eine Kollegin, die wenn ich zur Arbeit komme zuerst eine Umarmung von mir braucht, sie nennt es eine Kuschelrunde, da Sie alleine lebt. Nähe und Wärme sind sehr wichtig für uns, nicht nur für Kinder sondern auch für uns Erwachsene. Ich denke es ist sehr wichtig es den Kindern vor zuleben. Ich denke wenn man es im Kindesalter nicht übermittelt bekommt, kann man es als Erwachsener auch nicht so weitergeben.

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  4. Schön, die Hand des zu Begrüßenden/ zu Verabschiedenden mit den eigenen beiden Händen zu umschließen. Ich mache das gerne und oft und bin berührt, wenn es jemand mit mir macht.
    Liebe umarmende Grüße nach Wien von Mama Nora Simon

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