Blogsinn auf Urlaub (von Marcel)

Liebe Leute, Blogsinn meldet sich aus der Schaffenspause wieder zurück. Zufälligerweise war ich zur selben Zeit wie Blogsinn auf Urlaub, geistig wie auch physisch ;-). Und auch wenn dies kein Blog der Urlaubsgeschichten sein soll, so möchte ich diesmal doch eine persönliche Erfahrung teilen.

Über die Medien erfahren wir sehr viel über unsere Welt. Wir wissen viel darüber, wie andere Kulturen leben, wie andere Vegetationen aussehen und wo welche Tiere leben. Es in Büchern oder im TV zu sehen, ist jedoch nicht das gleiche, wie es selbst zu erleben. Erst wenn wir es selber gefühlt und gespürt haben, dann wissen wir auch wie es wirklich ist. So wissen wir bspw. wie der Regenwald aussieht und welche Tiere sich darin befinden, aber wenn wir nicht in ihm gestanden sind, ihn mit den eigenen Sinnen wahrgenommen haben, wissen wir auch nichts darüber. Wir könnten vielleicht ein Bild vom Dschungel malen, aber keine Geschichte darüber erzählen. Erst wenn wir es selbst erlebt haben, dann verstehen wir, erst dann verändert es uns, weil es auf uns wirkt. Das habe ich erfahren, als ich im Amazonas-Gebiet war und einige seiner BewohnerInnen kennenlernen durfte.

Während meiner Reise durch Peru, welche insgesamt einfach nur atemberaubend war, haben mein Bruder und ich einige Tage im Dschungel verbracht. Von Iquitos, der Stadt im tiefen Dschungel, abgeschnitten von der Außenwelt und nur über das Flugzeug oder mit dem Boot über den Amazonas zu erreichen, sind wir mit einem Boot ca. 2 Stunden den Amazonas zu einer kleinen Lodge mitten im Dschungel gefahren. Dort waren wir die einzigen Gäste für 4 Nächte, insgesamt waren wir 6 Tage im Amazonas Gebiet, man ist geneigt zu sagen „nur“ und dennoch war es wohl die intensivste Erfahrung, welche ich jemals gemacht.

Mit einer Ausdehnung von 6,7 Mio. km² über 8 Staaten ist der Amazonasregenwald der größte zusammenhängende Regenwald der Erde. Der Amazonas ist 6.400 km lang und besteht aus über 1.000 Flüssen. Nirgendwo auf unserem Planeten ist man dem Leben und Tod gleichzeitig so nahe, wie am gefühlten Nabel der Welt. Eine unvorstellbare Vielfalt von Leben, 10% aller Tierarten weltweit sind im Amazonas zu Hause und viele von ihnen sind tödlich. Die Tiere sind dort allgegenwärtig, im Fluss schwimmen weiße Delfine, immer wieder sieht man eine Affenbande von Ast zu Ast schwingen, Adler drehen ihre Kreise, Schildkröten kriechen und Frösche hüpfen herum. Fledermäuse zischen in der Nacht über die Köpfe und die handgroßen Spinnen krabbeln die Bäume hoch. Immer wenn man im Wald unterwegs ist, hört man ein Rascheln oder Knacken, man ist nie alleine. Die Geräuschkulisse im Regenwald ist zwar auf der einen Seite ein wenig unheimlich, aber vor allem unglaublich betörend und magisch.

In der Lodge haben wir in einer kleinen Hütte geschlafen, wo es keine Elektrizität gab und welche nur durch eine Wand aus Bambusstöcken sowie Moskitonetze Schutz vor „draußen“ bot. Über Nacht hatten wir ein Walkie Talkie, welches wir benutzen sollten, falls wir etwas bräuchten. Eine Person von der Lodge war die ganze Nacht über wach. Das Moskitonetz über dem Bett war nicht nur zum Schutz vor Moskitos, sondern man sollte es auch unter die Matratze stecken, so dass ungebetene Gäste nicht das Bett betreten können. Schuhüberprüfung vor jedem Reinschlüpfen ist genauso Pflicht, wie das komplette Schließen aller Taschen, Koffer und Rucksäcke. Bei jedem Toilettengang in der Nacht mit Taschenlampe beschlich einem ein beängstigendes Gefühl.

Für die Lodge arbeiten Ureinwohner des Amazonas Gebiets, diese sind mit uns auch jede Nacht in die Lodge mitgekommen und haben unser Zimmer nach Schlangen, Skorpionen oder Spinnen überprüft. Diese Menschen und ihre Vorfahren sind im Dschungel aufgewachsen, sie kennen nichts anderes. Es sind moderne Menschen, welche sich nicht gegen jegliche Neuerung stemmen, aber sich diese einfach nicht leisten können oder sie mitten im Dschungel schlichtweg nicht verfügbar sind. Sie haben keine Elektrizität, trinken das Wasser des Amazonas, waschen ihre Wäsche und baden darin. Wenn sie in die nächstgelegende Stadt wollen, brauchen sie mit ihrem selbstgebauten Boot ca. 3 Stunden. Dort ist auch das nächste Krankenhaus, falls etwas passiert. Mit diesem Boot haben sie uns herum gefahren und uns ihrer Community vorgestellt. In unserer Zeit im Regenwald haben wir mit Äffchen gespielt, viel von der Flora und Fauna gesehen bzw. über sie gelernt, haben Selbstgebrautes mit ihnen getrunken und eine spirituelle Ayahuasca Zeremonie mit ihnen durchgeführt. Das Gefühl mitten in der Nacht mit den Leuten in einer offenen einfachen Hütte im Dschungel zusammen zu sitzen, zu trinken und lachen, während draußen Schlangen, Affen, Faultiere, Kaimane, Skorpione, Jaguare, Spinnen, Riesenameisen herumtollen (das Gebiet ist die Heimat von 2,5 Millionen Arten Insekten, Zigtausenden Pflanzen und 2 000 Vögeln und Säugetieren), ist mit Worten nicht zu beschreiben. Genauso wenig wie zu Mitternacht auf dem Amazonas durch den Amazonas zurück zum Schlafplatz zu fahren/gehen.

Die Einheimischen haben den schmalen Grat wunderbar gemeistert, dass sie uns auf der einen Seite immer ein Gefühl der Sicherheit gegeben und uns doch so Nahe wie möglich an ihre Welt herangeführt haben. So durfte man z.B. bis ca. 17Uhr an vielen Plätzen im Fluss baden (keinesfalls überall, manche sind piranhaverseucht), aber danach kommen dann der Zitteraal und “other creatures” aus ihren Löchern gekrochen. Zeigt man ihnen einen Tier, kennen sie den Namen und wissen fast alles darüber. Sie wissen alles über den Amazonas, ihren natürlicher Lebensraum. Und das Imponierende war, wie sie mit ihrer Natur umgehen, wenn sie z.B. Müll im Wasser liegen sehen, machen sie teilweise einen Umweg um ihn herauszuholen. Sie wissen, dass diese Natur ihr Leben bedeutet.

Sie leben in unglaublicher Demut und das liegt daran, dass sie sich selbst nicht an der Spitze der Kette unserer Natur wähnen. In ihrer Community leben ca. 200 Personen und im letzten Jahr sind zwei Personen durch Skorpionbisse gestorben. Sie wissen, dass sie jederzeit verletzt oder getötet werden können. Aber sie sind deswegen nicht unglücklich oder verängstigt, im Gegenteil, sie verehren ihren Lebensraum. Wenn sie über den Amazonas reden, dann voller Wertschätzung, Ehrfurcht und Liebe. Das spürt man mit jeder Faser. Das war mehr als beeindruckend, ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie frei diese Menschen waren. Sie haben einfach ihren Platz gefunden, als Teil von etwas Größerem. Sie leben im echten Einklang mit der Natur.

So sind wir den Einheimischen des Amazonas, obwohl wir ihnen in so vielen Dingen voraus sind, in den wirklich essentiellen Dingen weit hinterher, weil wir unsere Wurzeln zur Natur verloren haben. Wir versuchen die Natur zu zähmen und unsere Verbindung zu ihr zu kappen. Vor allem in der Stadt wird alles dafür getan uns vor der Natur zu „schützen“. Das mag Sicherheitsvorteile haben, aber auch große Nachteile, weil wir nicht mehr wissen woher wir kommen, dass wir ein Teil von allem sind und nicht darüber stehen. Wir Menschen fühlen uns als die Könige der Erde, fühlen uns ihr überlegen. Wir denken, wir haben uns die Natur und unsere Erde zum Knecht gemacht, sie gebändigt. Damit irren wir uns aber gewaltig. Wer sind bitte wir lächerliche Menschen im Kontext der Erde mit einer Geschichte von ca. 4,6 Milliarden Jahren. Diese Überheblichkeit gilt es zu überwinden, sonst können wir nicht glücklich werden. Wir müssen wieder zusammenwachsen und dürfen uns da nicht raus nehmen. Außerdem wird die Erde irgendwann grausame und gnadenlose Rache an uns nehmen.

Die Amazonas Einheimischen haben mich durch ihre (Gast)Freundschaft, ehrliche Freundlichkeit und Liebe so nachhaltig beeindruckt, wie nie etwas zuvor. Wir haben in diesen 4 Tagen unsere Leben in ihre Hände gegeben und sie sind sehr sorgsam damit umgegangen. Ich habe allergrößten Respekt und Hochachtung vor ihnen und sie werden immer einen Platz in meinem Herzen haben. Der Amazonas mit allen seinen BewohnerInnen hat mein Leben für immer verändert!

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